Archiv für März 2008

Wittgenstein und Hitler

März 23, 2008

Wittgenstein und Hitler?

Tom Appleton 22.03.2008

Hinweis auf ein vergessenes Buch

Vor zehn Jahren erschien in Deutschland das Buch eines australischen Autors, das sofort bei seinem Erscheinen zunächst von der Kritik nieder gewürgt und dann von den Kulturmedien totgeschwiegen wurde. Es handelt sich um das Buch „Der Jude aus Linz“, erschienen im Ullstein Verlag[1] .

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Der Autor, Kimberley Cornish, im Hauptfach Physiker, hatte sich dabei in die Gefilde der Historiker gewagt, und war von der zuständigen Zunft in Deutschland und Österreich, aber auch anderswo, arg gerüffelt worden. Als ein Wirrkopf, eine Art von Däniken der Geschichtsschreibung, wurde er abgekanzelt. Und er vertrat in der Tat die recht abenteuerliche These, dass Hitler und Wittgenstein in der Jugendzeit miteinander bekannt – wenn nicht eng befreundet oder gar in einem homoerotischen Liebesverhältnis stehend – und nachher tief verfeindet waren. Und dass die Initialzündung für Hitlers Judenhass auf seinen Hass gegen Wittgenstein zurückzuführen sei. Heute, zehn Jahre später, kann man das Buch, möglicherweise etwas weniger verkrampft, erneut einer kritischen Würdigung unterziehen.

Der Diktator und der Denker

Hinten, in der letzten Reihe, im äußersten linken Winkel, der dann auf dem Foto, seitenverkehrt, als ganz oben, ganz weit rechts außen erscheint, kauert er, mit verschlafenem Gesichtsausdruck, Marke „Dumpfbacke“, kurz geschoren, noch ohne die berühmte Stirnlocke, aber schon mit einem Schatten, den ihm die Kamera unter die Nasenlöcher zaubert, wie eine Vorahnung auf jene Fliege unter der Nase, die man als sein Markenzeichen kennt. Ein Kind, das einmal als größter Diktator des 20. Jahrhunderts in Deutschland Karriere machen wird.

In der Reihe vor ihm, drei Sitze weiter einwärts, im neumodischen Jankerl, dessen kurzer Rundkragen sich gegen die überdimensionalen Revers an den Firmungsanzügen der übrigen Schüler abhebt, sitzt ein anderes Kind. Fast genau altersgleich mit seinem Mitschüler, denn beide sind im Abstand weniger Tage im April 1889 geboren, wird dieser Junge einmal in England Karriere machen und dort als größter Philosoph des 20. Jahrhunderts gelten. Zwei epochale Österreich-Exporte also, die hier zusammengefügt sind auf einem gemeinsamen Schulfoto aus Linz.

Sind sich Adolf Hitler und Ludwig Wittgenstein begegnet? Hatten Sie Kontakt miteinander? Die Antwortet lautet offenbar: Ja, und ihre Begegnung war keineswegs oberflächlich – sie hatte für das Leben beider entscheidende Folgen. Dennoch blieb der Umstand, dass der Diktator und der Denker in ihrer Jugend miteinander bekannt waren, und sogar ein intimes Verhältnis hatten, fast 90 Jahre lang der Öffentlichkeit verborgen. Man fragt sich, wie das passieren konnte? Und wieso es ausgerechnet erst des Spürsinns eines australischen Physikers bedurfte, um der Jugendbeziehung dieser beiden Männer nachzugehen und die auf dem Foto Dargestellten richtig zu identifizieren? Schließlich gehören sowohl Hitler wie Wittgenstein zu den am stärksten durchleuchteten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Eine Beziehung der beiden zu übersehen gehört somit zu den größten Fehlleistungen der Historikerzunft.

Nun: der eine war natürlich noch nie übersehen worden. Zu deutlich haben sich Adolf Hitlers Gesichtszüge in das kollektive Gedächtnis der gesamten Menschheit eingebrannt. Schwieriger stand es um den anderen, um Ludwig Wittgenstein. Es war zwar lange schon allgemein bekannt gewesen, dass es diese knappe Zeitspanne gab, 1903 auf 1904, als beide Jugendliche die gleiche Schule besuchten, die Realschule in Linz. Aber da der eine ein Jahr zurücklag und der andere ein Jahr voraus war, da sie beide also durch zwei Schulklassen voneinander getrennt waren, nahm man an, es wäre zwischen ihnen zu keinem nennenswerten Kontakt gekommen.

Wer das fragliche Foto sah, vermutete darin ein Klassenfoto: eine Gruppe von 41 etwa gleichaltrigen Schülern. In der Mitte steht ein bärtiger, vermeintlicher „Klassenlehrer“. Auf die Idee, dort nach Wittgenstein Ausschau zu halten, kam niemand. Kimberley Cornish, der australische Forscher, der bei Paul Feyerabend studiert hat, ging der Geschichte des Fotos unbefangen nach und stellte fest: Es stammte aus einer Broschüre über „Die Jugend des Führers“ aus dem Jahr 1938. Es zeige den oberen rechten Ausschnitt eines Gruppenbildes, schreibt Cornish, und scheine demnach eine Fotografie nach Altersgruppen zu sein, aber kein Klassenfoto. Die Namen der Abgebildeten seien heute nicht mehr eruierbar, da der Diktator nach der Machtübernahme dafür sorgte, dass sämtliche Unterlagen seiner früheren Schule zerstört wurden.

Der Australier ließ jedenfalls das vorhandene Bild in Melbourne mithilfe spezieller, gesetzlich geschützter Software der Polizei vergrößern. Der kleine „Wittgenstein“ wurde künstlich gealtert und anschließend mit seinem erwachsenen Ebenbild vermessen und verglichen. Resultat: der Abgebildete sei „höchst wahrscheinlich“ identisch mit sich selbst. Diese Kategorie stellt den höchsten Grad an Gewissheit dar, den die Identification Division des Victoria Police Department anbieten kann, hieß es. (Vermutlich war der Bildband aus dem Suhrkamp Verlag, „Wittgenstein“, herausgegeben 1983 von Michael Nedo und Michelle Ranchetti, in Melbourne noch unbekannt. Dort hätte man etwas weniger mühevoll den rein optischen Vergleich mit einem Familienfoto aus dem Jahr 1903 anstellen können. Der kleine Ludwig auf diesem und anderen Kindheitsbildern bestätigt freilich nur die positive Identifikation der Melbourner Kripo. Der kleine Junge auf dem Linzer Schulfoto ist tatsächlich Ludwig Wittgenstein.)

Das Bild kann frühestens im Herbst 1903 entstanden sein, denn der zukünftige Philosoph wurde erst nach dem Sommer in Linz eingeschult. Der spätere Diktator wurde zu Pfingsten 1904, eben fünfzehnjährig, gefirmt. Die Linzer Schule hatte er schon vorher verlassen müssen. Die Zeitspanne, in der beide, der spätere Politiker und der Philosoph, auf ein und dasselbe Foto kommen konnten, ist also denkbar eng, auf maximal etwa sechs Monate, vom Herbst 03 bis Frühjahr 04, begrenzt.

Die Suche nach Geneinsamkeiten

Ist es wirklich denkbar, dass zwei Vierzehnjährige durch einen so kurzen Kontakt miteinander auf einen bestimmten Kurs für ihre restliche Lebensbahn festgelegt werden konnten? (Der ursprüngliche Untertitel des Buches heißt „Wittgenstein, Hitler, and Their Secret Battle for the Mind“, deutet also auf eine lebenslang fortgesetzte Zweikampfsituation.) Es ist denkbar, dass der gegenseitige Einfluss tatsächlich sehr stark war, vor allem dann, wenn man annimmt, (wie es Cornish offenbar tut), dass beide zuerst in der Schule Kontakt miteinander bekamen, und dass dieser Kontakt nachher noch anhielt. Tatsächlich verbrachte Wittgenstein weitere zwei Jahre in Linz — er machte 1906 dort seine Matura an der gleichen Realschule, während sein ehemaliger Mitschüler Hitler im Sommer 1904 im benachbarten Steyr mit drei „Nicht genügend“ in Stenographie, Deutsch und Mathematik den Sprung in die nächste Klasse wieder nicht schaffte und die Schule endgültig abbrach, um nur noch als Flaneur und Nichtstuer in Linz herumzulungern.


Er genoss (wie einer seiner damaligen Spezis, Kubizek, später anmerkte) ein müßiges Leben als Kritiker und Kunstmäzen in der Provinzhauptstadt, besuchte das Ortsmuseum, die Bücherei und versäumte selten eine Aufführung der Linzer Oper. Er kleidete sich makellos in weiße Hemden, elegante Schlipse mit Krawattennadeln, einen breitrandigen schwarzen Hut und maßgeschneiderte Tweedanzüge, die der Neid der Jünglinge in der Stadt waren. Im Winter zog er einen seidengefütterten schwarzen Mantel an. Für die Oper trug er schwarze Handschuhe aus Ziegenleder zur Schau, einen elfenbeinernen Spazierstock und einen Zylinder.“ So gekleidet habe er ausgesehen wie ein Student. „Da Linz keine Universität besaß, ahmten die jungen Menschen aller Schichten und Stände umso eifriger studentische Sitten nach.

Auch seine Sprache sei „sehr gewählt“ gewesen, erklärte Kubizek:

Das heißt, dass er im Gegensatz zu seiner Umgebung hochdeutsch und nicht Dialekt sprach.

Nicht schlecht, für den Sohn einer armen Zöllnerswitwe! An welchen Vorbildern orientierte er sich dabei? Dem Sohn des Milliardärs Wittgenstein – die Wittgensteins gehörten um die Jahrhundertwende zu den reichsten Familien des Landes – wäre ein solcher Stil vermutlich eher angemessen gewesen. Cornish vermerkt, dass Wittgensteins Manierismen auch späterin England so ausgeprägt waren, dass man sie noch zehn Jahre nach seinem Tod an Menschen aus seiner Umgebung beobachten konnte. Wäre es nicht denkbar, dass der junge Wittgenstein eine ebensolche Wirkung auf einen jungen Provinzlackel gehabt haben könnte?

Zeit genug, einander zu begegnen, hatten sie jedenfalls. Denn nach dem Selbstmord des älteren Bruders Rudolf, 1904, gestatte Vater Wittgenstein dem glücklich davongekommenen jüngeren Sohn, „Lucki“, der Schule fernzubleiben. Er solle „…sich ausfaulenzen, schlafen, essen, schwitzen, Theater gehen etc…“

Kimberley Cornish fragt, zu Recht, wie viele andere unter den gleichaltrigen Jugendlichen in Linz wohl einen solchen Lebensstil pflegen konnten? Aber auch: Wie viele andere Kids von 15, 16 Jahren konnten, wie diese Jungen es beide (!) vermochten, virtuos ganze Wagnerpartituren Note für Note genau aus dem Gedächtnis pfeifen (!)? Wie viele andere Fünfzehnjährige Siezten (!) habituell ihre Mitschüler, wie diese beiden es taten? Und wie viele andere beschäftigten sich mit Fragen nach dem „Sinn der Geschichte“ und offenbarten einander, dass sie die „Natur des menschlichen Bewusstseins“ erkannt hätten und Schopenhauer läsen? In Linz: sicher nicht viele.

Homoerotische Erfahrungen?

Und weiter: Beide, der spätere Philosoph und der spätere Diktator, blieben zeitlebens für die Bizarrerie ihres Verhaltens bekannt, für ihre absolute Unfähigkeit zu normalen, unverklemmten Kontakten mit anderen Menschen. Der Philosoph besaß zwei homosexuelle Brüder, die Selbstmord begingen; er selbst war homosexuell und drängte spätere Liebhaber mehr als einmal in Situationen hinein (beispielsweise zur Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg), die zu deren Tod führten.

Cornish greift hier wohl etwas zu kurz, wenn er die Frage nach der Sexualität des Diktators nur en passant streift. War Hitler homosexuell? War er das, was man im Englischen einen „closet gay“ nennt? (War er also ein „verdeckter Schwuler“, der seine „wahre Natur“ möglicherweise sogar vor sich selbst – „im Schrank“: „in the closet“ – schamvoll versteckt hielt?) Ist es nicht auffallend, wie der Diktator mit Homosexuellen in der eigenen Bewegung verfuhr? Röhm und andere schwule Gefolgsleute der SA, die sich anfangs hinter den „Führer“ gestellt hatten, aber ihm später „gefährlich“ hätten werden können, wurden liquidiert. Bewohner der Wiener Männerheime, die ihn aus seinen jüngeren Jahren kannten, wurden systematisch ausgeforscht und beseitigt. Und alle seine „normalen“ sexuellen Beziehungen fanden, auch als er schon im besten Mannesalter war, mit fast knabenhaften, knapp zwanzigjährigen jungen Frauen statt, die durchweg im Verlauf dieser Beziehungen in den Selbstmord getrieben wurden. (Das gleiche gilt, in abgewandelter Form, für die Beziehung mit Eva Braun.)

Kurios? Gewiss. Und gab es vielleicht ein bestimmtes Erlebnis, an dem sich der Beginn dieser Entwicklung festmachen ließe? Cornish glaubt, es sei die Begegnung mit Wittgenstein gewesen. Der hatte schon mit Pepi, dem Sohn seiner Linzer Gasteltern, eine Beziehung, die in rascher Folge „Verliebtheit“, „Bruch“, „halbe Versöhnung“, „Schein der Unschuld“, „Versöhnung“ und „Zärtlichkeit“ (so die Tagebuchnotizen) umfasste. „Zärtlichkeiten“ dieser Art mögen im Haus Wittgenstein, der feinsten Adresse im kulturellen Wien jener Tage, mit zwei älteren, einschlägig erfahrenen Brüdern, alltäglich gewesen sein. In Linz scheint das zumindest fraglich. Unter Pubertierenden mag es wohl gelegentlich Momente geben, die man später am liebsten unter den Teppich eines gnädigen Vergessens kehrt. Wie aber, wenn es zu „Zärtlichkeiten“ zwischen diesen beiden Jugendlichen gekommen wäre?


In der Realschule lernte ich wohl einen jüdischen Knaben kennen, der von uns allen mit Vorsicht behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in Bezug auf seine Schweigsamkeit, durch verschiedene Erfahrungen gewitzigt, nicht sonderlich vertrauten.
Adolf Hitler

Cornish ist überzeugt, dieser „jüdische Knabe“ sei kein anderer als der junge Wittgenstein gewesen. Die „Vorsicht“ gegenüber seiner mangelnder Diskretion war, wie der Autor anmerkt, durchaus angebracht; auch in späteren Jahren empfanden die Menschen in Wittgensteins Umgebung (Bertrand Russell und viele andere sind hier zu nennen) es als „äußerst unangenehm“, seine „Geständnisse“, „Beichten“, „Rezitation der Sünden“ über sich ergehen lassen zu müssen. Auch in der Realschule empfand der Junge das zwanghafte Bedürfnis, anderen gegenüber Äußerungen über sein Innenleben abzugeben. Die Folge: er fühlte sich anschließend erst recht von den Mitschülern „verraten und verkauft“.

Eines der Themen, die Wittgenstein in Cambridge immer wieder zum Thema seiner „Beichten“ machte, war sein angebliches „Judentum“. (In Wirklichkeit war die einst jüdische Familie Wittgenstein längst, auch durch Heirat mit Nichtjuden, christlich assimiliert.) Möglich aber, dass Wittgenstein mit diesem Wort nichts weiter bezeichnen wollte als das Schuldgefühl, das ihn wegen seiner spezifischen sexuellen Ausrichtung plagte. Er fühlte sich als „Jude“, als Ausgestoßener, weil er „homosexuell“ war, und „homosexuell“, also sexuell unangepasst, weil er „Jude“ war. Hitler selbst hat offenbar diese Terminologie übernommen, als er sich mit ihm auf einen „jüdischen“ Kontakt einließ. Vielleicht war es eine anschließende „Beichte“ des jungen Wittgenstein, die den Grund für Hitlers unehrenhaften Schulabgang lieferte? Hinweise dazu finden sich im zweiten Band von „Mein Kampf“:


Ein Junge, der seinen Kameraden angibt, [d. h., bei den Lehrern verpfeift] übt Verrat [kursiv im Original] und bestätigt damit eine Gesinnung, die, schroff ausgedrückt und ins Große übertragen, der des Landesverräters genau entspricht.

(Dass Hitler später gezielt die Entfernung der Linzer Schulberichte veranlasste, deutet darauf hin, dass es tatsächlich etwas zu verbergen gab, dass es zumindest für Hitler keine Bagatelle war.) Der Kontakt scheint damit aber nicht abgebrochen zu sein, nicht allein weil zwei solche Dandys sich in Linz nicht zwei Jahre lang aus dem Weg gehen konnten. Denn darüber hinaus stellt sich die Frage: Scheint es nicht völlig unwahrscheinlich, dass die Zinsen vom Ersparten eines Zollbeamten (Hitlers Vater war am 3. Januar im Jahr 03 gestorben) eine vierköpfige Familie ernähren und zugleich dem Sohn das Leben eines wohlhabenden „Kunstkenners“ erlauben konnten, der sich standhaft weigerte, irgendeine Lehre aufzugreifen? Diese Jahre, die von Armut gezeichnet hätten sein sollen, beschrieb er später als „die glücklichsten Tage, die mir nahezu als ein schöner Traum erschienen.“ Er habe als „Muttersöhnchen“ in „der Hohlheit des gemächlichen Lebens, in weichen Daunen“ gelebt.

Wer bezahlte diesen Luxus? War es der kleine Junge mit dem großen Geld, der auch später bekannt dafür war, dass er immer wieder sein Geld weg gab – „um eine gute Tat zu tun?“ Und wenn es so war – gab es da noch mehr? Vielleicht eine homoerotische Liebesbeziehung? Und wenn ja – was verursachte den Bruch? War es einfach nur Wittgensteins sang- und klanglose Abreise, als er nach der Matura 1906 Linz verließ?

Liest man die Berichte über Hitlers antisemitische Ausfälle, seine kollerartigen Tobsuchtsanfälle, kommt man um den Eindruck nicht herum, hier würde jemand von tief liegenden, eigenen traumatischen Erlebnissen gebeutelt. Solche Leidenschaft konnte von „angelesenen Erkenntnissen“ aus antisemitischen Schriften kaum mobilisiert werden. Wenn Hitler in den späten Zwanzigern gefragt wurde, warum er Antisemit sei, erwiderte er immer, dass es sich um etwas „Persönliches“ handele. Tatsächlich gelingt Cornish der überzeugende Nachweis, dass im Zentrum von Hitlers Judenhass ein pathologischer Hass auf alles glühte, was mit der Familie Wittgenstein zu schaffen hatte.

Der Verrat, der Hitlers glühenden Hass auf seinen früheren Wohltäter, auf den Plan rief, muss erst später, in Wien statt gefunden haben. Der 17jährige Wittgenstein, der in Wien von Alfred Adler und vielleicht sogar von Freud persönlich psycho-analysiert wurde, stellte offenbar ein ausgesuchtes Paket an persönlichen Neurotismen dar; beispielsweise, dass er sich, in Momenten sexueller Erregung, in die Hosen kackte, oder dass er beim Schwimmen zwanghaft abtauchen und dabei bis 49 zählen musste – bis er, japsend, fast dem Ertrinken nahe, wieder auftauchte. Für seinen Linzer Freund blieb ihm wohl in der großen Stadt keine Zeit mehr. Der eben noch Verwöhnte wurde zum jugendlichen Stadtstreicher und mittellosen Möchtegern-Künstler, angetrieben und aufgerieben von nagenden Ressentiments gegen seinen „jüdischen“ Ex-Lover.

Es scheint fast unerlaubt trivial, die Ungeheuerlichkeit des Holocausts an der Türe einer schief gelaufenen homosexuellen Leidenschaft zwischen zwei Jugendlichen abzusetzen. Und doch beginnen auch große, reißende Flüsse gewöhnlich als harmlose kleine Bäche. Kimberley Cornishs durchweg kühles, analytisches Buch, scheint mir, hilft viele bisher unverständliche Aspekte im Leben dieser beiden Männer klarer zu sehen.

Das Buch ist in der deutschen Ausgabe[2] etwas zähflüssiger als es sein müsste, weil der Autor zuviel Material allzu kompakt präsentiert – er verfolgt verschiedene Arme seiner Theorien bis in Schopenhauer und Rosenberg hinein, tief in Wagners Schriften, und so fort. Interessant ist grundsätzlich die Zusammenschau Hitler/Wittgenstein. Außerdem wird Wittgenstein als Drahtzieher der Spione von Cambridge (Philby und Co) enttarnt, was für englische Leser spannender ist als für deutsche.

Ich habe Cornishs Thesen hier noch ein wenig mit anderen Daten, etwa aus Brigitte Hamanns „Hitlers Wien“ und anderen Quellen angereichert. Das Buch hatte bereits nach der Veröffentlichung der englischen Ausgabe mächtige Verrisse aus deutschen Landen kassiert, aber ich halte es für so interessant, dass das totale Totschweigen seit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe mir als eine geradezu fahrlässig unzulässige Verfahrensweise erscheint, als bewusstes Festhalten an einer festgefahrenen Optik, als Verteidigung des blinden Flecks, im Grunde also als Weigerung, die eigene Geschichte wirklich unverzerrt wahrzunehmen.

 

Ist der Islam ursprünglich eine Version des Christentums?

März 23, 2008

Islamwissenschaftler Karl-Heinz Ohlig über die Frühgeschichte des Islam

In den letzten Jahren meldeten sich Islamwissenschaftler, Philologen und Historiker zu Wort, die historisch-kritisch die Geschichte des Islams untersuchen. Zu ihnen gehört Professor Karl-Heinz Ohlig von der Universität Saarland. In einem zweiteiligen Interview spricht der deutsche Religionswissenschaftler über seine Forschungsergebnisse, die die Frühgeschichte des Islam in einem vollkommen neuen Licht zeigen.

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Eines Ihrer Bücher zur frühen Geschichte des Islam trägt den Titel „Die Dunklen Anfänge“. Was ist denn dunkel an der Entstehung des Islam, die man doch in jedem bekannten Lexikon detailliert nachlesen kann?

Karl-Heinz Ohlig: Schon Ignaz Goldziher, einer der „Väter“ der Islamwissenschaft, hat in einem Vortrag im Jahr 1900 an der Sorbonne davon gesprochen, dass diese Anfänge recht ungeklärt sind. Tatsächlich bietet der Koran keinerlei biographisches Material zu Mohammed. Nur vier Mal kommt dieser Begriff vor, und nur an einer Stelle ist mit Sicherheit damit ein arabischer Prophet gemeint – wahrscheinlich eine recht späte Versgruppe. Mekka wird nur einmal, ohne irgendeinen Zusammenhang, erwähnt, Medina („Stadt“) dreimal, wobei unklar ist, ob nicht einfach „Stadt“ zu verstehen oder ob das spätere Medina („Stadt [des Propheten]„) gemeint ist. Auch sonst gibt es keine Hinweise auf die Arabische Halbinsel. So sind alle „Informationen“ zu den Anfängen des Islam erst späteren Texten entnommen: „Biographien“, die im 9. und 10. Jh. aufgeschrieben wurden. Aus einem dieser Texte, den „Annalen“ des at-Tabari (10. Jh.) stammen auch die Schilderungen der weiteren Geschichte. So fehlen für die ersten zwei Jahrhunderte zeitgenössische Texte, auf die man sich stützen könnte.

Die Geschichte des Islam wurde also 150 bis 200 Jahre nach dem Tod von Propheten Mohammed (632 n. Chr.) aufgeschrieben. Warum wurde erst so spät mit der Niederschrift einer islamischen Geschichte begonnen?

Karl-Heinz Ohlig: Wahrscheinlich konnte man erst ein Leben Mohammeds und weitere Abläufe beschreiben, nachdem sich diese Vorstellungen über die Anfänge herausgebildet hatten, ansatzweise nicht vor der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, und sich der Islam als eigenständige Religion des arabischen Reichs ausgebildet hatte. In Analogie zum Vorgehen des [extern] Pentateuch, der die Anfänge der Jahwereligion in die Moseszeit verlegt, hat man nun einen großartigen und kohärenten Anfangsmythos entworfen.

Können die Aufzeichnungen nach einer Zeitspanne von ein, zwei Jahrhunderten noch genau sein? Ist die islamische Literatur des 9. und 10. Jahrhunderts nicht notgedrungen ein Sammelsurium von Halbwahrheiten, das man nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten vielleicht sogar als eine Fälschung bezeichnen müsste?

Karl-Heinz Ohlig: Diesen Entwurf als Fälschung zu bezeichnen, ist – ebenso wie bei den Büchern Mose oder der Romulus-Remus-Erzählung – falsch, weil dabei die literarischen Gattungen nicht berücksichtigt werden. Religiös-politische Gründungsmythen sind keine Geschichtsschreibung, und wollen dies auch nicht sein.

Aber sind es nicht genau diese „religiös-politische Gründungsmythen“, die heute unter vielen Muslimen für real gehalten werden? Selbst in der Fachliteratur zur Islamgeschichte wird die tradierte Version nicht in Frage gestellt.

Karl-Heinz Ohlig: Gründungsmythen haben die Funktion, durch Rückgriff auf eingängige narrative Traditionen Identität zu stiften. In vorkritischen Gesellschaften werden sie selbstverständlich für real gehalten. Davon unabhängig aber fragt historisches Denken nach den tatsächlichen Abläufen. Dies ist auch in der Islamwissenschaft in Gang gekommen, wenn auch reichlich spät. So vertritt z.B. die in Amerika lehrende Islamwissenschaftlerin [extern] Patricia Crone die These, die Anfänge des Islam seien nicht auf der Arabischen Halbinsel zu suchen. Die Gestalt Mohammed hält sie aber für historisch, seltsamerweise nicht auf Grund muslimischer, sondern christlicher Texte. Bei letzteren erweisen sich allerdings die sehr seltenen Erwähnungen eines Mohammed als Jahrhunderte spätere Interpolationen von Abschreibern in ältere Texte, die von ihm nichts wussten.

Welche Rolle spielen die [extern] Hadithe, die ü[extern] berlieferte Lebensgeschichte und Aussprüche des Propheten Mohammeds? Sie wurden ebenfalls über ein Jahrhundert lang mündlich von Erzähler zu Erzähler weiter vermittelt, schließlich gesammelt und niedergeschrieben. Wie zuverlässig sind die Überliefererketten?

Karl-Heinz Ohlig: Die Hadithe und ihre Sammlung im 9. Jh. wurden notwendig, weil neue Probleme und Fragen auftauchten, für die im koranischen Material kein Bezug zu finden war. Durch sie konnten neue Rechtsfragen, Gemeindesituationen usw. mit Bezug auf Mohammed beantwortet werden. Diesem, seit dem 19. Jh. schon als weithin legendarisch beurteilten Material sollte ein hohe Autorität durch die Vorschaltung von Überliefererketten, die die Berichte als Überlieferung seit Mohammed kennzeichnen wollen, zugewidmet werden, die als theologische Legitimationsformeln, nicht als historische Information zu verstehen sind.

Aber in der Realität ist das doch, wie auch im Fall des Gründungsmythos, anders. Hadithe werden als historische Information verstanden. In einigen muslimischen Ländern sind sie die Basis der Rechtsprechung. Taugen sie als Basis für Richtersprüche?

Karl-Heinz Ohlig: Hadithe sind [extern] Basis für die Rechtsprechung neben anderen Quellen: dem Koran, der Übereinstimmung in der Rechtstradition oder dem freien Ermessen des Richters. Ob sie als Basis „taugen“, entzieht sich meiner Kenntnis. Historische Informationen aber bieten sie prinzipiell nur für das, was man in den Kontexten ihrer Entstehung dachte, nicht für Worte Mohammeds.

Der Islam wurde die Staatsreligion des mächtigen arabischen Großreichs im 9. Jahrhundert

Sie haben in den letzten drei Jahren zwei Bücher zur neusten Forschung über die Entstehungsgeschichte des Islam herausgebracht. Laut Ihrer These war der Islam zu Anfang nicht als eigenständige Religion gedacht. Welche Beweise haben Sie und Ihre Forscherkollegen dafür gefunden?

Karl-Heinz Ohlig: Laut Zeugnis der christlichen Literatur unter arabischer Herrschaft im 7. und 8. Jh., aber auch der arabischen Münzprägungen und der Inschriften, z.B. im Felsendom in Jerusalem, vertraten die neuen Herrscher ein syrisch-persisches Christentum, das die Beschlüsse des [extern] Konzils von Nizäa nicht anerkannte: Jesus ist für sie Gesandter, Prophet, Knecht Gottes, aber nicht physischer Sohn Gottes, und Gott ist unitarisch einer, ohne „Beigesellung“. Deswegen ordnet sie der Kirchenvater [extern] Johannes von Damaskus, gest. um 750, unter die christlichen Häretiker ein, weil sie seinem griechischen Verständnis von Christentum nicht entsprachen. Vor dem 9. Jh. ist von einer neuen, eigenständigen Religion der Araber nicht die Rede.

Das heißt, der Islam wurde erst später zu einer eigenständigen Religion gemacht?

Karl-Heinz Ohlig: Diese Formulierung klingt ein wenig nach Willkür oder bewusster Aktion. Es ist vielmehr so, dass Religionen oft entstehen, indem sie bei religiösen Vorstellungen der Tradition, aus der sie kommen, eine neue Gewichtung des Ererbten vornehmen, dieses anders interpretieren und in spezifischer Weise verfestigen und systematisieren.

Spielte die Politik der damaligen Zeit nicht auch eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Islam als eigenständige Religion?

Karl-Heinz Ohlig: Der Islam wurde die Staatsreligion des mächtigen arabischen Großreichs im 9. Jahrhundert, das damit seinen Anspruch auf „universale“ Geltung und Herrschaft untermauern konnte.

Das arabische Großreich machte eine verbindende neue Religion nötig, als Fundament einer neuen Welt quasi, um sich vom Rest abzusetzen, Differenz zu schaffen? Ein Imperium braucht auch eine spirituelle Quelle? Eine Religion und Botschaft, die es auch zu verbreiten gilt?

Karl-Heinz Ohlig: Dies scheint, in Konkurrenz zum Byzantinischen Reich, eine plausible Erklärung zu sein.

Warum wurde in der gängigen Forschung bisher selten über diese Faktoren und Zusammenhänge nachgedacht und meist von einer unverrückbaren islamischen Geschichte ausgegangen? Warum hat man nicht, wie beim Christentum, kritisch hinterfragt?

Karl-Heinz Ohlig: In der muslimischen Theologie sind Fragestellungen dieser Art verboten; sie hat bisher noch keine Aufklärung durchlaufen. Die westliche Islamwissenschaft beschäftigt sich weithin mit Philologie, ohne die in der Geschichtswissenschaft etablierten Methoden anzuwenden. Ebenso wenig untersuchen sie den religionsgeschichtlich und christlich-theologisch äußerst differenzierten kulturellen Raum des Vorderen Orients, so dass die Wurzeln und Motive aus diesen Traditionen nicht erkannt werden. Aber es gibt dennoch auf der ganzen Welt eine Reihe von Islamwissenschaftlern, die kritische und weiterführende Beiträge und Untersuchungen publiziert haben, die insgesamt gänzlich neue Perspektiven aufscheinen lassen. Weil es gegen zeitgenössische Quellen und historische Belege keine Argumente gibt, werden sich die traditionellen Auffassungen auf Dauer nicht halten können.

Welche Fehler wurden von der nicht-kritischen Forschung gemacht, beziehungsweise, was hat man unterlassen?

Karl-Heinz Ohlig: Man hat vergessen, dass historische Abläufe nur dann beschreibbar sind, wenn sie historisch-kritisch anhand von zeitgenössischen Quellen verifiziert werden können. Es gibt nicht wenige Epochen, über die nur kaum Zeugnisse erhalten sind. Das gilt für die Entstehungsphasen vieler Religionen, z.B. für den Buddhismus, den Zoroastrismus, die jüdische Religion, und auch im Christentum gibt es Fragen zum historischen Jesus. Die Anfänge des Islam werden in der sehr viel späteren Literatur detailliert entfaltet, und es mag durchaus sein, dass auch historische Traditionen in sie eingegangen sind. Aufs Ganze gesehen aber dokumentiert sie nicht die Anfänge, sondern das Denken des 9. und 10 Jahrhunderts über die Anfänge. Die westliche Islamwissenschaft hätte alle Möglichkeiten kritischer Untersuchungen gehabt. Aber sie hat sie nicht ausreichend wahrgenommen.

Von Alfred Hackensberger ist gerade das [extern] Lexikon der Islamirrtümer im Eichborn Verlag erschienen.

Selimiye-Moschee

März 23, 2008

800px-selimiye_mosque_dome.jpgDie Selimiye-Moschee wurde auf Anordnung Sultan Selim II. von Baumeister Sinan in den Jahren 1568-1575 in Edirne errichtet. Das Bauwerk wurde von Sinan selbst als „mein Meisterwerk“ bezeichnet und gilt als Höhepunkt der osmanischen Architektur. Die sich 71 m hoch erhebenden Minarette haben jeweils drei Umgänge, zu denen man über drei getrennte Treppenaufgänge gelangen kann. Die Zentralkuppel, die auf acht gewaltigen Stützsäulen ruht, misst 31,28 m im Durchmesser; ihre vom Boden gemessene Höhe ist mit 43,28 m angegeben. Die marmorne Kanzel sowie die Fliesen dieser Moschee haben weltweite Berühmtheit erlangt. Bei der Besetzung Edirnes durch russische Streitkräfte im Jahre 1878 wurde ein Teil der Fliesen geraubt und nach Russland verbracht. An den Moscheebau schließen sich ebenfalls von Sinan errichtete Nebengebäude an, die dem ganzen Bauwerk den Namen „Selimiye-Komplex“ verliehen haben.

turkey_selimiye-mosque_big.jpg

Jesus-Tuch im Superscanner

März 22, 2008

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,542919,00.html

Von Angelika Franz

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen haben italienische Wissenschaftler eine neue Aufnahme des Turiner Grabtuches angefertigt. Die hochauflösenden Fotos zeigen das Gewebe in noch nie gesehener Detailschärfe – nur: Lösen sie das Rätsel um seine Echtheit?

ie Wissenschaftler waren höchst vorsichtig. In einem Reinraum streckten sie das Objekt auf einer Bahre aus, fixierten es für die anstehende Operation. Alle Anwesenden mussten Schutzanzüge tragen. Die Luftfeuchtigkeit wurde genau überwacht, sogar das Licht gefiltert. Denn das Objekt ist alt. Sehr alt. Mindestens 700 Jahre – viel glauben sogar: zwei Jahrtausende.

Das berühmte Grabtuch von Turin lag am 22. Januar dieses Jahres auf dem Operationstisch. Die Wissenschaftler erstellten mit einem Superscanner ein neues, höchstauflösendes Bild des angeblichen Leichentuches Jesu, über dessen Echtheit seit langem gestritten wird – jetzt sind die neuen Fotos veröffentlicht.

TURINER GRABTUCH: ABBILD VON JESUS?

Fotostrecke starten: Klicken Sie auf ein Bild (7 Bilder)

Die Firma HAL9000, spezialisiert auf hochauflösende Fotografie von Kunstwerken, hatte vom Heiligen Stuhl die Erlaubnis bekommen, das rund viermal einen Meter große Tuch auf 158 Gigabytes abzulichten – mit einer Detailgenauigkeit von bis zu einem fünfhundertstel Milimeter. „Wir haben über 1600 Einzelaufnahmen zusammengesetzt, jede einzelne so groß wie eine Kreditkarte. Das Ergebnis ist ein riesiges Bild, das 1300-mal schärfer ist als die Aufnahme einer Zehn-Millionen-Pixel-Kamera”, sagt Chefingenieur Mauro Gavinelli.

Dazu fuhr die Kamera einen Tag lang auf einem Gestell über dem Tuch umher, in 30 Zentimeter Höhe schwebend. „Wir mussten sehr konzentriert arbeiten, weil wir keinen Fehler machen durften“, sagt Gavinelli SPIEGEL ONLINE. „Erst am Ende des Tages, als wir fertig waren, hatten wir ein paar Minuten lang Zeit, das Tuch überhaupt als Ganzes anzuschauen und zu bewundern. Vorher war das gar nicht möglich.“

Was verrät das Gigabyte-Foto?

Vor wenigen Tagen haben die Ingenieure und Fotografen von HAL9000 das Bild in der Kathedrale von Novara auf einer 28 Quadratmeter großen Leinwand der Kommission des Vatikans vorgestellt. Über die Osterfeiertage ist das mehr als zwölf Meter lange Bild dort auch für Besucher zu sehen. Die Aufnahmen sind im Besitz der Kommission – und werden dort wohl auch erst einmal bleiben. Ob sie länger ausgestellt oder sogar im Internet einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, steht noch nicht fest.

Die zentrale Frage ist jedoch: Haben die spektakulären Detailaufnahmen des Gewebes vielleicht neue Geheimnisse über die Echtheit oder Entstehung des Tuches preisgegeben? „Es ist in einem sehr guten Zustand“ – das ist alles, was Mauro Gavinelli verrät.

„Das Gewebe ist sehr sauber, bis auf die schon lange bekannten kleinen Verunreinigungen, zum Beispiel durch winzige Wachströpfchen. Bei einem so nahen Blick scheint es auch keinen Unterschied zu geben zwischen den gewöhnlichen Fasern des Tuches und jenen, auf denen das angebliche Bild Jesu abgedrückt ist.”

Umstritten ist das Grabtuch bereits seit seiner ersten historischen Erwähnung im 14. Jahrhundert. Kirchenmänner und Wissenschaftler mühen sich, die Echtheit des Leichentuches entweder zu beweisen oder zu widerlegen. Angeblich hat es den Leichnam Jesu bedeckt, als dieser nach seinem Tod vom Kreuz genommen wurde. Dabei haben sich, so die Befürworter der Echtheit, die Züge seines Körpers mit den Wunden der Kreuzigung in das Gewebe abgedrückt.

Eigener Forschungszweig Sindonologie

Gerade die Abdrücke der Wunden sind ein heikler Punkt. Sämtliche mittelalterliche Darstellungen zeigen Jesus am Kreuz mit Nägeln durch die Handflächen und einem Dornenkranz auf der Stirn. Die Verletzungen auf dem Grabtuch aber zeugen von Nägeln in den Handgelenken; die Dornen waren zu einer Haube geflochten, die den gesamten Schädel umhüllte. Das entspricht den tatsächlichen Folterpraktiken um die Zeitenwende im Heiligen Land – was Archäologen allerdings erst zum Ende des vergangenen Jahrhunderts herausgefunden haben.

Um 1900 bildete sich ein eigener Wissenschaftszweig, der sich mit der Frage nach der Echtheit des Grabtuches von Turin beschäftigt: die Sindonologie, abgeleitet von altgriechischen Wort für Leichentuch (sindón). Seitdem wird das Tuch – mit wechselnden Ergebnissen – analysiert, fotografiert und diskutiert. 1978 begann das Shroud of Turin Research Project (Sturp) mit einer Untersuchungsreihe. Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass die Blutflecken in dem Gewebe tatsächlich echt sind und die Körperabdrücke aus dehydrierten Fasern bestehen.

Allerdings gehören viele der Wissenschaftler dieser Untersuchungskommission der „Gilde des Heiligen Grabtuches” an, einer katholischen Organisation. Der Mikroskopie-Experte Walter McCrone, der nach heftigem Streit aus Sturp ausschied, fand vielmehr, dass sowohl die angeblichen Blutflecke als auch Abdrücke durch die Farbpigmente Zinnober und Ocker entstanden sind.

Echt oder falsch?

1988 berief der Heilige Stuhl erneut eine Untersuchung ein. Diesmal ging es um das Alter des Tuches. Die C14-Datierung von drei unabhängigen Instituten, der University of Arizona, der Oxford University und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, wies das Tuch in das 14. Jahrhundert, also genau in jene Zeit, zu er es auch erstmals schriftlich erwähnt wurde. 2005 kam ein Chemiker zum Schluss, dass das Tuch doch echt sein könnte, weil die Forscher 1988 angeblich einen Fehler bei der Radiokarbonanalyse gemacht haben (mehr…).

Die Kirche selbst hält sich übrigens elegant aus der Frage nach der Echtheit heraus: „Die geheimnisvolle Faszination des Grabtuches wirft Fragen über die Beziehung dieses geweihten Leinens zum historischen Leben Jesu auf. Da das aber keine Glaubensangelegenheit ist, hat die Kirche keine besondere Befugnis, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen“, urteilte der damalige Papst Johannes Paul II. am 24. Mai 1998. Das Tuch wird jedenfalls nur noch selten hervorgeholt. Zuletzt geschah das im Jahr 2000, als mehr als drei Millionen Pilger nach Turin strömten, um das Leichentuch mit eigenen Augen zu sehen. Die nächste Ausstellung ist erst für 2025 geplant.

Nach Abschluss der Arbeiten kann sich die Firma HAL9000 nun dem nächsten Projekt zuwenden. In der Vergangenheit hat sie bereits Gemälde wie Leonardo da Vincis Abendmahl oder das Leben Christi von Gaudenzio Ferraris in noch nie gekannter Detailschärfe abgelichtet. Der Firmenname ist Programm. HAL9000 heißt der Computer des Raumschiffs Discovery in dem Buch „2001: Odyssee im Weltraum“ des vor wenigen Tagen verstorbenen Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke. „Das Hauptaufgabenfeld unserer Firma ist die Steuerung von Multimedia-Software“, sagt Mauro Gavinelli, „da drängte sich die Referenz an HAL9000 förmlich auf.“ In der Romanvorlage entwickelt HAL9000 ein Eigenleben und versucht, die Steuerung der Mission selbstständig zu übernehmen.

 

Bunte Eisberge

März 20, 2008

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,542674,00.html

Farbiger Eisberg entdeckt

Spektakuläres Foto aus der Antarktis: Einem Meeresforscher ist ein bunter Eisberg vor die Kameralinse getrieben. Wie genau die farbigen Streifen in den gefrorenen Riesen entstehen, stellt Forscher vor Rätsel.

Oyvind Tangen hatte Fotografenglück, an diesem Montag Anfang März. Sein Schiff, die „G.O. Sars“, fährt in der Nähe der Antarktischen Küste durch den südlichen Ozean. Der 62-jährige Meeresforscher, der eigentlich im norwegischen Bergen zu Hause ist, suchte die Wasserfläche ab, als sein Blick an einem wundersamen, im Wasser treibenden Etwas hängenblieb.

BUNTE EISBERGE: SPEKTAKULÄRE BEOBACHTUNGEN IN DER ANTARKTIS

Wie ein riesiges wundersames Wesen aus der Tiefsee sah das Objekt aus. Ein abgerundeter weißer Körper, von verschiedenfarbigen schrägen Streifen durchzogen: manche grün, manche blau, manche braun. Vor Tangen trieb ein marmorierter Eisberg im Wasser, der unregelmäßig abgeschmolzen war.“Es kommt immer wieder vor, dass man so einen Eisberg sieht“, bestätigt der Glaziologe Hans Oerter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er habe vor vier Jahren im Antarctic-Sund, also vor der nordwestlichen Spitze der Antarktischen Halbinsel, solch einen spektakulären Eisberg beobachten können.

Wie genau die farbigen Eisriesen entstehen, ist jedoch nicht abschließend geklärt. Klar sei immerhin, sagt Oerter, wie die verschiedenen Farbtöne zustande kommen. Zum Beispiel die blauen Eisbereiche: „Bläuliches Eis enthält keine Luftblasen, wie sie in Eis vorkommen, das durch die Metamorphose von Schnee entsteht.“ Wird Luft eingeschlossen, entsteht im Eis ein weißlicher Farbton; fehlt sie, schimmert es blau.

Blaues Eis, so erklärt Oerter, entsteht zum Beispiel durch direkt gefrierendes Wasser, etwa wenn bestimmte Eisbereiche zunächst auftauen und später wieder gefrieren. Doch in der Antarktis gibt es noch einen anderen, etwas komplizierteren Mechanismus, der zur Entstehung von blauem Eis führen kann. In manchen Bereichen unter dem Schelfeis kann die Last der oben liegenden Eismassen so groß werden, dass sich darunter flüssiges Wasser bildet. Sein Schmelzpunkt wird durch den Druck verschoben – und das Wasser kann unter dem Schelfeis nach Norden in den Ozean strömen. Lässt dann entlang des Wegs der Druck von oben nach, bilden sich Kristalle, die sich als blaues Eis von unten an das Schelfeis anlagern.

Doch nicht nur blaue Streifen finden sich in den marmorierten Eisbergen, sondern auch grüne und braune. Diese, so erklärt Oerter, kommen durch verschiedene Einschlüsse zustande. Dabei lassen grüne Streifen allerdings nicht automatisch auf Algen schließen, wie sich vielleicht denken ließe. Auch andere Schwebstoffe, etwa Sedimente, können im Eis grünlich wirken.Um die Geheimnisse der bunten Eisberge zu klären, müssen Glaziologen wohl noch zahlreiche Proben in der Antarktis nehmen. Bis dahin kann man sich einfach an Fotos erfreuen, wie sie Oyvind Tangen und Hans Oerter gemacht haben.

chs

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Heirat im Alten Rom

März 15, 2008

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,537086,00.html 15.3.2008 22.32

HEIRAT IM ALTEN ROM

Zweckgemeinschaft ohne Gefühl

Heiraten im Alten Rom war eine wichtige Angelegenheit, Mädchen wurden mitunter schon im frühen Alter von 13, Jungen mit 18 verheiratet. Es war eine Zweckgemeinschaft, die strengen Regeln folgte. Nur eines spielte dabei kaum eine Rolle: das Gefühl.

Eheähnliche Lebensgemeinschaften oder die 2007 von der Fürther Landrätin Gabriele Pauli vorgeschlagenen Ehen auf Probe hätten einen Römer der Antike wohl befremdet. Aber auch unsere Suche nach der oder dem Richtigen fürs Leben würde ihn irritieren. Eher schon hielte er es mit Martin Luther, der den Sinn einer Ehe so formulierte: „Ein Mann ohne Frau ist wie ein Herd ohne Feuer.“

Zweckgemeinschaft, meist ohne Gefühl

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Hochzeit im Alten Rom: Zweckgemeinschaft, meist ohne Gefühl

Denn im antiken Rom war die Ehe vor allem eine Zweckgemeinschaft, meist schon Jahre vor der Vermählung von den Eltern eingefädelt. Geheiratet wurde nicht aus Zuneigung, sondern aus Kalkül, vor allem, um durch männliche Nachkommen den Fortbestand der Familie des Ehemannes zu sichern. Dementsprechend klar definiert war auch die gesellschaftliche Rolle der Römerin als Gebärerin – nicht zufällig verwendete man das lateinische venter, „Gebärmutter“, synonym für „Frau“. Daher war deren Fruchtbarkeit, ähnlich wie in heutigen Fürstenhäusern, Grundvoraussetzung einer glücklichen Ehe, Unfruchtbarkeit hingegen ein Scheidungsgrund.Hinzu kamen bei Mitgliedern der feineren Gesellschaft politische Motive. Der deutsche Althistoriker Friedrich Münzer (1868–1942) wies darauf hin, dass politische Bündnisse und Freundschaften unter Männern auch durch Verlobungen und Heiraten besiegelt wurden. So verlobte Roms erster Kaiser Augustus seine erst zweijährige Tochter Iulia mit Antyllus, dem damals acht Jahre alten Sohn seines vormaligen Widersachers Marcus Antonius. Aber auch Geld spielte eine wichtige Rolle, wenn es darum ging, die Tochter unter die Haube zu bringen. Plinius der Jüngere (61 – 114 n. Chr.), von einem Freund gebeten, einen passenden Gatten für eine Verwandte zu suchen, pries die Vorzüge seines Kandidaten folgendermaßen: „Sein Vater verfügt über große Mittel, und wenn das vielleicht auch bei deiner Familie keine besondere Rolle spielt, so müssen wir doch bedenken, dass das Einkommen eines Mannes unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten zu den wichtigsten Maßstäben gehört.“

„Vereinigung göttlichen und menschlichen Rechts“

GEFUNDEN IN…

epoc Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur Ausgabe Februar 2008

Der im 3. Jahrhundert n. Chr. lebende Jurist Herennius Modestinus definierte die Ehe als „Verbindung von Mann und Frau und eine Gemeinschaft für das ganze Leben, eine Vereinigung göttlichen und menschlichen Rechts“. Rechtsgültig war die Ehe aber nur, wenn beide Partner freie, mündige römische Bürger waren. Sklaven war die Eheschließung demnach verwehrt, ebenso Minderjährigen. Allerdings galten Mädchen bereits mit zwölf als viripotens, also „in der Lage, einen Mann zu empfangen“, Jungen mit 14 als zeugungsfähig. Meist war der Gatte bei der Trauung aber fünf bis zehn Jahre älter als die Braut. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus nahm mit 24 eine 13-Jährige zur Frau. Grabinschriften belegen, dass die Mehrzahl der Mädchen zwischen 13 und 15, die der Jungen zwischen 18 und 25 war, als sie heirateten.Keine Institution jedoch überwachte die Volljährigkeit, denn anders als heute war die Eheschließung im Imperium Romanum ein rein privater Akt, den keine öffentliche Gewalt sanktionierte. Demgemäß hatte der pater familias, der als Oberhaupt der Familie vorstand, in diesem geschlossenen Rechtsverband das alleinige Sagen. Seine väterliche Macht erstreckte sich nicht nur auf den gesamten Sachbesitz, sondern auch auf die Familienangehörigen bis hin zum Recht über Leben und Tod. Kraft dieser Verfügungsgewalt wählte er für seine Kinder die Lebenspartner aus, was Liebesheiraten nahezu ausschloss. Seneca (um 1 v. Chr. – 65 n. Chr.) nahm an diesem Akt der Willkür Anstoß, beklagte sich bezeichnenderweise aber nur darüber, dass dem Mann hierdurch eine unpassende Frau, nicht aber darüber, dass der Frau ein unpassender Mann zur Seite gestellt werden könne: „Jedes Tier und jeden Sklaven“, so der Philosoph, „prüfen wir genau, bevor wir sie kaufen; nur die Braut wird nicht in Augenschein genommen, damit sie dem Bräutigam nicht missfallen kann, bevor er sie heimgeführt hat. Ist sie böse, dumm, missgestaltet oder riecht aus dem Mund, welche Fehler sie auch immer hat, so lernen wir sie erst nach der Hochzeit kennen.“

Wie solch eine römische Trauung vorbereitet und durchgeführt wurde, berichten Schriftquellen – sofern es sich um die Upperclass handelte. Von den Gebräuchen der Handwerker, Kaufleute und Bauern Roms wissen wir leider nichts. Hatten sich die Väter geeinigt, fand die Verlobung statt, zu der neben den näheren Verwandten auch einflussreiche Gäste geladen waren. Vor Zeugen gaben die beiden jungen Leute ihre Zustimmung zur Ehe. Danach tauschten sie Geschenke aus, insbesondere überreichte der Bräutigam seiner Braut einen Ring als sichtbares Zeichen des Eheversprechens. Er steckte ihn auf den vierten Finger ihrer linken Hand, von dem man glaubte, dass von ihm ein Nerv ausging, der direkt zum Herzen führte. Eine romantische Geste? Wohl nicht, im Lateinischen steht cor, das Herz, nicht weniger für das Gefühl, sondern eher für Verstand oder Mut.

Abschied von der Kindheit

Der wichtigste Punkt der Hochzeitsverhandlungen betraf die Mitgift, die in einem eigens zwischen dem Vater der Braut und dem Bräutigam ausgehandelten Ehevertrag fixiert wurde. Neben mitgebrachten Gütern wie Geld, Hausrat, Sklaven, Vieh oder Immobilien wurden darin auch Klauseln für ein Scheitern der Verbindung aufgeführt, etwa bei schlechter Behandlung der Frau durch den Mann oder aber umgekehrt, wenn die Frau ihrem Gatten Hörner aufsetzte; insbesondere setzte sie ihre Mitgift aufs Spiel. Schließlich verpflichtete sich der Brautvater, seine Tochter zur Hochzeit freizugeben, der Vater des Bräutigams versprach, den Sohn zur Hochzeit zu veranlassen.

Vor allem im Haus der Braut herrschte in der nächsten Zeit rege Betriebsamkeit. Am Vorabend der Trauung legte sie in einem uralten Ritual ihre Kleidung ab und opferte diese zusammen mit ihren Spielsachen auf dem Altar der Hausgötter. Damit nahm sie symbolisch Abschied von ihrer Kindheit, sie war jetzt eine erwachsene Frau, bereit, einen Mann zu empfangen. Hernach schlüpfte die Braut in die tunica recta, die saumlose Tunika, welche sie aus selbst gesponnenem Garn gewebt hatte, umgürtete diese mit einem doppelten Wollgürtel und verknotete ihn. Dieser durfte erst wieder in der Hochzeitsnacht und nur vom Bräutigam persönlich geöffnet werden. Derart bekleidet verbrachte sie die letzte Nacht in ihrem Elternhaus.

Am Hochzeitstag selbst standen spezielle Riten auf dem Programm, die das Brautpaar kultisch reinigen, den Bund durch Opfer besiegeln und seine Fruchtbarkeit steigern sollten. Mit dem ersten Hahnenschrei legten Sklaven letzte Hand an die Braut und ihren Schmuck. Dazu gehörte eine Ganzkörpermassage mit einer Lotion aus Lupinensamen, Bohnen, rotem Nitrum und Iriswurzeln, eine Rezeptur, die der römische Liebesdichter Ovid (43 v. Chr.–18 n. Chr.) als Mittel zur Betonung der naturgegebenen Reize empfahl. Auch ihre Zähne glänzten noch heller als sonst – dank eines aus zerstoßenem Horn und destilliertem Urin gemixten Mundwassers. Dann folgte das Frisieren.

Man kämmte das Haar mit einem so genannten Lanzeneisen mit gebogener Spitze, teilte es in sechs Strähnen und flocht diese mit wollenen Bändern zusammen. Dem römischen Grammatiker Festus (2. Jahrhundert n. Chr.) zufolge sollte mit dem „martialischen Kamm“ zuvor möglichst ein Feind getötet worden sein. Religionshistoriker deuten dies dahingehend, dass die Berührung mit diesem Objekt eine rituelle Ersatzhandlung war, die Ängste vor der Entjungferung magisch lindern sollte.

2. Teil: War die Hochzeitsnacht eine „legale Vergewaltigung“?

War das Haar gerichtet, unterzogen fachkundige Visagistinnen die Braut einer umfangreichen Schönheitsbehandlung. Denn „Sorgfalt macht das Gesicht erst schön“, befand Ovid. Hierzu gehörte ein dezentes Make-up aus Bleiweiß, also Bleikarbonat. Diese Grundierung verlieh dem Antlitz den in Rom so beliebten hellen Teint, erklärt die Bochumer Philologin Maren Saiko. Als Kontrast dazu wurden die Augenlider mit Antimonpulver schwarz gefärbt, pulverisierter Krokodilskot sorgte für frische Apfelbäckchen – das Ammoniak darin rötete die gereizte Haut.

Wesentlich schlichter nahm sich nach heutigen Maßstäben die Kleidung aus: Der Bräutigam legte am Hochzeitstag die schneeweiße Toga an, das Gewand des freien Bürgers und Sinnbild männlicher Würde; die Braut trug über ihrer Tunika noch einen safranfarbenen Überwurf, den flammeum genannten Brautschleier. Dieser spezielle Farbton wurde wahrscheinlich in Anklang an die Farbe des Herdfeuers gewählt, dem praktisch wie rituell wichtigsten Teil des römischen Haushalts – als Symbol für den Bestand und Zusammenhalt der Familie. „Haartracht und Schleier der Braut entsprachen denen der Vestalinnen und waren somit Symbole der Jungfräulichkeit, aber auch der ehelichen Keuschheit“, konstatiert die Münchner Provinzialarchäologin Andrea Rottloff. Mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu den Priesterinnen der Göttin Vesta bekränzte die Braut ein Gebinde aus selbst gepflückten Kräutern und Blumen, darunter allerlei Heilpflanzen, auch Majoran; dieser war Plinius zufolge der Venus geweiht und galt als Symbol der Fruchtbarkeit.

Ritus herber Einfachheit

Bunte Teppiche wurden nun im Atrium aufgehängt, die Wände mit grünen Zweigen besteckt, die Säulen mit Kränzen und Blumen umwunden und die Schreine mit den aus Bienenwachs geformten Ahnenbildern geöffnet; denn auch sie sollten die Übergabe der Braut an die Sippe des Mannes bekunden. Zuvor schon hatten Priester die Auspizien eingeholt, das heißt den Willen der Götter aus dem Vogelflug oder aus den Eingeweiden eines Opfertieres gedeutet. Fielen die Auspizien günstig aus, stand der Hochzeit nichts mehr im Weg, ansonsten wurde sie aufgeschoben.

GEFUNDEN IN…

epoc Magazin für Geschichte, Archäologie und Kultur Ausgabe Februar 2008

Vor Zeugen wurde zunächst der Ehevertrag unterschrieben, auf den Familienmitglieder wie Gäste ihre Siegelringe drückten. Es folgte das eigentliche Hochzeitszeremoniell, ein Ritus von herber Einfachheit, durchdrungen von einer tiefen Religiosität. Das Brautpaar brachte zunächst den Hausgöttern ein Opfer dar – in der frühen Republik (510 – 387 v. Chr.) Früchte und Brot, später dann ein Schwein oder Rind. Während ein Priester die Zeremonie durchführte, saßen Braut und Bräutigam auf zwei durch ein Schaffell verbundenen Sesseln. Fell galt wie Wolle und Haar als Kraftträger, weil es ohne äußeres Zutun nachwuchs.Danach wurden sie von der Brautführerin, meist einer verheirateten Frau, welche die Göttin Juno, die Schutzherrin der Ehe, repräsentierte, vor den Altar geführt, wo Mann und Frau einander die rechte Hand reichten – eine Geste, mit der sich das Brautpaar ewige Treue schwor (siehe Bild links). Denn nach alter Sitte galt die Rechte der Fides, der römischen Göttin der Treue, als heilig, weshalb dieser Moment ein beliebtes Motiv auf römischen Sarkophagen darstellt. Der Ehevertragszeuge, meist ein naher Verwandter oder guter Bekannter, sprach nun die Worte des Gebots vor, die das Paar nachsprach, während es den Altar umschritt (der Wortlaut ist leider nicht überliefert). Dann sprach die Frau den zentralen Satz: „Wo du bist, will auch ich sein.“ Mit anderen Worten: Ich bin bereit, mich in deine Familie einzufügen und deinem Willen zu gehorchen.

Nach einem opulenten Hochzeitsmahl folgte des Festes letzter und zugleich wichtigster Akt, das von den Römern als deductio in domum bezeichnete Geleit der Braut ins Haus des Gemahls – ein Brauch, der dem römischen Historiker Livius (59 v. Chr.–17 n. Chr.) zufolge auf die gewaltsame Vereinigung der ersten Römer mit den widerspenstigen Sabinerinnen zurückgehen sollte. Damals, so Livius, sei einem gewissen Talassius die Braut mit dem Zuruf Talassio, „für Talassius“, zugeführt worden, und seit dieser Zeit hatte es sich eingebürgert, dass Knaben bei jeder Hochzeit diesen Ruf anstimmten. Zu Fackelschein und Flötenmusik zog das frisch vermählte Ehepaar dann durch das nächtliche Rom, zu Fuß oder in einem Wagen. Dabei wurde ausgelassen getanzt und gesungen, zumeist Fruchtbarkeitslieder mit anzüglichen Versen. Von Zeit zu Zeit warf der Bräutigam Nüsse in die ausgelassene Menge, während die Frischvermählte – ganz das brave Hausmütterchen – Spindel und Rocken mit sich trug, Symbole ihrer neuen Aufgaben.

War der Hochzeitszug am Haus des Mannes angelangt, bestrich die frisch vermählte Braut die Türpfosten mit Fett und umwickelte sie mit wollenen Binden, ein in graue Vorzeit zurückreichender Abwehrzauber, um die Schwellengeister, die an der Grenze zwischen dem unheimlichen Draußen und der häuslichen Sphäre lauerten, zu bannen. Laut Plinius dem Älteren (24–79 n. Chr.) benutzte man dafür insbesondere Wolfsfett, wohl eine Anspielung auf die mythische Wölfin, welche die beiden Zwillinge Romulus und Remus gesäugt hatte. Jetzt erst, nachdem alles Böse rituell gebannt war, trug der Bräutigam die Braut über die Schwelle. Nach römischer Auffassung galt es nämlich als böses Omen, stolperte die Jungvermählte beim Betreten ihres neuen Domizils.

Im Atrium ihrer neuen Heimat wurde die Braut dann in die Hausgemeinschaft und in die Obhut der Hausgötter aufgenommen. Hierzu überreichte man ihr Feuer und Wasser, Zeichen ihrer neuen Würde als mater familias.

Am Ende eines langen Tages stand die Hochzeitsnacht, in Rom wie in vielen anderen antiken Kulturen das wichtigste Ereignis für die Jungvermählten, da es für sie tatsächlich das erste Mal war, dass sie geschlechtlich miteinander verkehrten. Rituell richtete die Brautführerin das Ehebett und unterwies die Braut im Geschlechtsverkehr, sprach dann Glück bringende Formeln und zog sich dezent zurück. Ein kurzes Gebet der jungen Frau zu Juno Virginiensis, der jungfräulichen Göttin, dann durfte der Ehemann sie entkleiden. Nicht jeder Bräutigam gab einen einfühlsamen Liebhaber ab, auch der beträchtliche Altersunterschied zwischen den Partnern ließ manche Hochzeitsnacht alles andere als romantisch verlaufen. Das bestätigen die wenigen vorhandenen Quellen. Von missglückten Entjungferungsversuchen ist da die Rede und von Analverkehr als Alternative, aber auch von älteren Ehemännern, die wenig Rücksicht auf die Schüchternheit der jungen Braut nahmen. Wie sollten sie auch, waren sie doch bislang gewohnt, sich ihrer Sklavinnen zu bedienen. Der französische Althistoriker Paul Veyne (* 1930) hat deshalb den Geschlechtsakt in der Hochzeitsnacht als „legale Vergewaltigung“ bezeichnet.

Entjungferung als Ritual

Glaubt man allerdings den Kirchenvätern, habe das ius primae noctis, also das „Recht der ersten Nacht“, nicht dem Bräutigam zugestanden, sondern einem altitalischen, in römischen Quellen nur einmal erwähnten Gott namens Mutunus Tutunus, der in Form eines Phallus verehrt worden sein soll. Auf dessen Kultbild habe sich die Neuvermählte vor der Hingabe an den Gatten gesetzt, damit dieser als Erster ihre Keuschheit wegnehme, wie der Kirchenvater Lactantius voller Abscheu berichtete. Ein Versuch des frühen Christentums unter vielen, das heidnische Rom zu verteufeln? Nach Ansicht des Berliner Althistorikers Gerhard Radke könnte es sich tatsächlich um einen magischen Akt aus grauer Vorzeit gehandelt haben, um der Entjungferung durch ein Ritual ihren Schrecken zu nehmen.

Mit dem Einzug der Frau in das Haus des Mannes galt die Ehe als rechtsgültig. Aus der väterlichen Gewalt entlassen, war sie nunmehr ihrem Gatten unterstellt. Manus-Ehe nannte man diese Verbindung, weil die Frau in die „Hand“, lateinisch manus, ihres Gatten kam. Dieser Wechsel von einer Gewalt in die andere verbesserte zwar nicht die rechtliche Stellung der Frau, verschaffte ihr aber gesellschaftliches Ansehen. Der römische Dichter Catull (84–54 v. Chr.), bekannt für seine bildhafte Sprache, verglich deshalb die unverheiratete Frau mit einer einsamen Rebe, die niemandem auffiele. Erst wenn sie am Stamm einer ansehnlichen Ulme emporranke, sprich: an der Seite eines Ehemannes lebte, nehme sie die römische Gesellschaft wahr.


Der Althistoriker Theodor Kissel arbeitet als Publizist in Sörgenloch bei Mainz.

Hallo Welt!

März 15, 2008

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