Archiv für die Kategorie ‘Wirtschaftsgeschichte’

Tulppenwahn

August 1, 2009

Wie die große Gartenhure Investoren verrückt machte

Von Jan Friedmann

Nicht Gold oder Diamanten weckten im Jahr 1637 die Gier holländischer Investoren – sondern Blumen. Ein regelrechter Tulpen-Wahn bescherte der Finanzwelt die erste Spekulationsblase der Geschichte. Sie gilt heute als Prototyp für viele spätere Krisen.

Die Königin der Tulpen trug ihr Haupt hoch, so kamen die leuchtenden Farben noch besser zur Geltung: Blau am Blütenboden, wo der schlanke Stil ansetzte, nach oben übergehend in ein reines Weiß, aus dem blutrote Flammen zur Spitze hin züngelten. „Semper Augustus“ tauften die Züchter ihr Wunderwerk. Das Privileg, es in natura betrachten zu dürfen, war nur wenigen Zeitgenossen vergönnt.

TULPEN: SPEKULATIONSOBJEKTE DES 17. JAHRHUNDERTS

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Von der seltensten und teuersten Sorte zirkulierten in ganz Holland zeitweilig nur rund ein Dutzend Tulpen-Zwiebeln, und die waren unerschwinglich: 10.000 Gulden verlangten Händler zu Beginn des Jahres 1637 für eine „Semper Augustus“, („Allzeit erhaben“), eine Summe, mit der sich mühelos ein großes Stadthaus an einer der vornehmsten Grachten Amsterdams erwerben ließ.

Es war der Höhepunkt des „Großen Tulpen-Wahns“, jener Manie, die als frühe und exemplarische Spekulationsblase in die Wirtschaftsgeschichte eingehen sollte. Im Lauf einiger Monate hatten sich die Preise vervielfacht, zu denen die Tulpen in den Wirtshäusern gehandelt wurden. Im Februar 1637 fielen die Kurse binnen weniger Tage ins Nichts. Viele Menschen waren auf einen Schlag ruiniert: „Edelleute, Kaufleute, Handwerker, Schiffer, Torfträger, Schornsteinfeger, Knechte, Mägde, Trödelweiber, alles war von gleicher Sucht befallen“, berichten die Annalen.

Nicht Aktien oder Staatsanleihen, nicht Rinderhälften oder Eisenerz, nein: Blumen hatten die Begierde der Investoren in der damals dynamischsten Volkswirtschaft Europas geweckt. Ein hochsensibles und pflegeintensives Spekulationsobjekt: Es dauert fast so lang wie eine menschliche Schwangerschaft, bis aus einer im Herbst eingepflanzten unscheinbaren Zwiebel im Frühjahr eine blühende Tulpe erwächst. Und eine einfarbige Pflanze überrascht ihren Besitzer bisweilen im Frühjahr mit geflammten, zweifarbigen Blütenblättern. Dafür sorgt das Mosaikvirus – ein im 17. Jahrhundert noch unbekannter, durch Blattläuse übertragener Befall.

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2009

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Geld!
Von den Fuggern zur Finanzkrise: Eine Chronik des Kapitals

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Vielleicht war es diese Unberechenbarkeit, mit der die Preziose die Herzen der calvinistisch spröden Niederländer gewann. Ursprünglich eine Wildpflanze in den Hochtälern Zentralasiens, fand die Tulpe ihren Weg über Persien und das Osmanische Reich nach Europa. Der gelehrte Humanist und bedeutende Botaniker Carolus Clusius trug maßgeblich zur Verbreitung der Tulpe in Holland bei, seit er 1593 an die Universität Leiden berufen wurde.

Bald avancierte die Tulpe zur Modeblume der Reichen und Schönen, sie verlieh den Gärten ihrer Besitzer eine Aura von Extravaganz und östlicher Exotik. Ein Statussymbol ganz nach dem Geschmack der Holländer, erlaubte sie doch aufstrebenden Bürgern und Kaufleuten, auf botanisch-bescheidene Art den eigenen Reichtum zur Schau zu stellen. Exklusiv war das Luxusgut im Beet obendrein: Eine Tulpen-Mutterzwiebel bringt nur wenige Brutzwiebeln hervor, die Pflanze kann nicht in kurzer Zeit vermehrt werden.

Ein kleiner Kreis von findigen Züchtern befriedigte die anspruchsvolle Nachfrage mit immer neuen und prächtigeren Kreationen. Gefragt waren in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts gleichmäßige Blütenblätter und auffällige Farbmuster. Wie die prächtigsten Blüten aussahen, das zeigten sich die Reichen anhand eigens angefertigter Tulpen-Bücher, in denen die schönsten Sorten im Aquarell ausgemalt waren.

Bald lockten die komfortablen Margen Quereinsteiger und Abenteurer ins Geschäft. Die Tulpe wurde zum Synonym für leicht verdientes Geld. Verkörperte sie nicht schon durch ihre Gestalt den größtmöglichen Kontrast zum entbehrungsreichen Leben der einfachen Leute? Ein Leben, in dem 14 Stunden harter Arbeit an sechs Wochentagen kaum genug einbrachten, um die Mieten in den überfüllten Städten zu bezahlen.

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Die Tulpen-Profis lebten hingegen in Saus und Braus, für die Organisatoren der Auktionen fielen reichlich Provisionen ab. Eine zeitgenössische Schrift vermittelt einen Eindruck: „Ich bin auf mehreren Runden gewesen, von denen ich mehr Geld nach Hause brachte, als ich in das Wirthaus mitgenommen hatte. Und dabei habe ich Wein und Bier getrunken, Tabak geraucht, gekochten oder gebratenen Fisch, Fleisch, Hühnchen und Kaninchen sowie zum Abschluss Süßigkeiten gegessen, und das vom Morgen bis um drei oder vier in der Nacht.“

Solchen Verheißungen erlagen immer mehr Menschen. Sie vernachlässigten ihre gelernten Berufe und verdingten sich fortan in den Gärtnereien als Tulpen-Händler – oder vertrauten als Kleinanleger den Verheißungen der Edelzwiebel.

Der zunächst ungebrochene Boom schien ihnen recht zu geben und ließ letzte Zauderer als Ewiggestrige erscheinen. 1633 wurde in der Stadt Hoorn bereits ein Haus für drei Tulpen-Zwiebeln verkauft, in den drei Jahren darauf vervielfachten sich die Preise. Die kostbaren Pflanzen wurden nun selbst zur Währung, die Anleger verkauften ihr Hab und Gut und verpfändeten ihre Häuser, in dem sicheren Glauben, dass es in dem Markt immer nur eine Richtung geben werde: nach oben.

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Schon während der Hausse fehlte es nicht an Warnzeichen. In den Archiven sind mehrere Fälle von Anlegerbetrug belegt: Manche Händler drehten ihren Kunden als angeblich kostbare Raritäten Tulpen-Zwiebeln an, die sich beim Aufblühen als Allerweltsgewächse entpuppten. Andere versuchten sich an Imitaten teurer Sorten wie der „Viceroy“ oder raunten von noch extravaganteren Produkten wie der Schwarzen Tulpe – rein schwarze Blütenblätter zu züchten war schon biologisch unmöglich.

Von 1635 an dealten die Spekulanten mit Tulpen-Derivaten, es gab Anteilsscheine auf Tulpen-Zwiebeln und handelbare Bezugsrechte. Im herkömmlichen Handel wurde die Tulpe kurz nach der Blüte ausgegraben und eingetrocknet, so dass der Käufer sehen konnte, was er im kommenden Jahr von seinem Erwerb zu erwarten hatte. Nun wurden ganzjährig Terminkontrakte abgeschlossen und Zwiebeln gehandelt, die noch in der Erde steckten. Schuldscheine und Schilder in den Beeten wiesen die künftigen Besitzer und das Datum des Bezugs aus.
Tulpen-Wahn in Holland: Wie die große Gartenhure Investoren verrückt machte – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wissenschaft (1 August 2009)

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Die Preisexplosion verlockte zu Zwischengeschäften und Luftbuchungen: Floristen verkauften Tulpen, die sie nicht liefern konnten, an Käufer, die nie die Absicht hatten, diese Zwiebeln einzupflanzen.

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Manche Tulpen wechselten zehnmal pro Tag den Besitzer, ohne dass auch nur einer von ihnen die Zwiebel, geschweige denn die Blüte jemals zu Gesicht bekommen hätte. „Windhandel“ nannten die Chronisten diese Phase des Booms, doch die Flaute blieb so lange aus, wie immer neues Kapital in den Spekulationskreislauf floss.

Die Katastrophe nahm am ersten Dienstag des Monats Februar im Jahr 1637 ihren Lauf: Bei einer Auktion in einem Schankkollegium von Haarlem konnte der Auktionator die geforderten Preise nicht erzielen und musste Abschläge zugestehen. Diejenigen Investoren, die erst spät eingestiegen waren, fuhren nun plötzlich Verluste ein.

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Die Neuigkeit machte die Runden durch alle Schenken der Stadt und bald darauf durchs ganze Land. Immer mehr Besitzer von Tulpen-Zwiebeln wollten schnell verkaufen, die Preise fielen ins Bodenlose. Der durchschnittliche Tulpen-Anleger verzeichnete binnen Wochen ein Minus im Depot von 95 Prozent, die meisten Derivate waren mit einem Schlag völlig wertlos geworden.

Nun hub der Chor derer an, die alles schon immer geahnt hatten und sich nun am Verlust der anderen weideten. Traktate und Flugblätter mit Titeln wie „Floras Krankenlager“, „Der Untergang der großen Gartenhure“ oder „Schurkengöttin Flora“ machten die Runde. Ein zeitgenössisches Bild über den Tulpen-Wahn war erläutert mit dem Satz: „Darstellung des seltsamen Jahres 1637, als der eine und der andere Narr den Plan ausheckte, ohne Fähigkeit reich und ohne Verstand weise zu werden.“

Wie in vielen folgenden Finanzkrisen griff die Obrigkeit ein, um das vollständige Chaos zu vermeiden. Die Städte bildeten Schlichtungskommissionen, die festlegten, dass alle offenstehenden vertraglichen Verpflichtungen durch Zahlung von 3,5 Prozent des ursprünglichen Kaufpreises abgegolten werden konnten. Diese Regelung ging zu Lasten der Züchter und sollte dazu dienen, ein Übergreifen der Krise auf andere Wirtschaftssektoren zu vermeiden.

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In ihrem Ablauf war der Tulpen-Wahn typisch für viele weitere Krisen: Auf die Phase der Insider, der Kenner und Liebhaber folgte der systematische Ausbau des gewinnträchtigen Sektors, dann das massenhafte Auftreten von Spekulanten mit undurchsichtigen Finanzprodukten und schließlich die Intervention der Ordnungshüter nach dem Crash.

Besonders in Zeiten der Rezession wird die Blase von 1637 immer wieder zum Vergleich herangezogen. Derzeit bietet etwa ein findiger Reiseanbieter seine Spaziergänge durch Amsterdam in der Variante der „Krisentour“ an. Sie führt zu einigen Schauplätzen des Tulpen-Wahns, darunter auch zum „Ellendigen Kerkhof“: Dort fanden die Selbstmörder ihre letzte Ruhe.
Tulpen-Wahn in Holland: Wie die große Gartenhure Investoren verrückt machte – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wissenschaft (1 August 2009)

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Die große Kreditkrise des Jahres 1294

Juni 3, 2009

Die große Kreditkrise des Jahres 1294
von Tobias Bayer (Frankfurt)

Die Ricciardi-Familie ist das Bear Stearns des Mittelalters. Die Bankerdynastie finanzierte Edward I. – und geriet wegen Kapitalabzug, zögerlichen Gläubigern und schwer verkäuflichen Wertpapieren in Schieflage. Drei Wissenschaftler erforschten die Geschichte.

März 2008. Ein historisches Ereignis. Das Wall-Street-Haus Bear Stearns kämpft verzweifelt um die Existenz. Kreditgeber und Hedge-Fonds ziehen Kapital ab. Die Liquidität wird knapp. Die Geldschbeschaffung wird dadurch erschwert, dass ein Großteil der Vermögenswerte in der Bilanz illiquide Subprime-Hypothekenanlagen sind. Schließlich springt JP Morgan ein und übernimmt den Konkurrenten mithilfe der New Yorker Fed.

Ein einmaliges Ereignis? Die Wissenschaftler Adrian Bell, Chris Brooks und Tony Moore von der Henley Business School können das getrost verneinen. Sie gingen in einer Studie weit in die Geschichte zurück und fanden Parallelen – im Jahr 1294. „Die Finanzkrise in diesem Jahr ähnelt stark der jetzigen Situation. In ihr spielten auch Subprime-Schuldner, Liquiditätsengpässe und Bank-Runs eine Rolle“, schreiben die drei Forscher. „Wenn uns die Geschichte auch nicht mit einem Instrumentenkasten versorgen kann, der uns jetzt hilft, dann können wir immerhin die aktuellen Ereignisse in einen breiteren Kontext rücken.“

Maturity-Mismatch und Liquiditätsengpass

Im Zentrum der Analyse stehen der englische König Edward I und seine Banker, der Ricciardi-Clan aus dem norditalienischen Lucca. Die Ricciardis schossen dem König große Summen vor. Der Monarch räumte ihnen dafür im Gegenzug das Recht ein, die Steuern auf Wollexporte einzutreiben. Außerdem verwaltete die toskanische Familie die Steuer des Papstes. Um kurzfristig an Geld zu kommen, unterhielen die Finanziers ein enges Beziehungsnetz mit anderen Handelshäusern, grob vergleichbar dem heutigen Interbankenmarkt.

Anfang der 90er-Jahre des 13. Jahrhunderts bekam das System Risse. Der Papst zog einen Großteil seiner Einlagen zurück, zudem besteuerte der französische König die in seinem Land lebenden Italiener. Beides entzog dem Finanzsystem wichtige Liquidität. Existenzbedrohend wurde es für die Ricciardis, als auch Edward I. überraschend Geld forderte, um seinen Krieg gegen die Franzosen zu finanzieren. Obwohl die Ricciardis als solide finanziert galten, war ihr Vermögen langfristig gebunden. Das erwies sich als fatal, da andere Handelshäuser keine Darlehen mehr gewährten. Am Ende entzog der König den Ricciardis das Recht, die Steuern einzutreiben, und trieb die Bankerdynastie in den Ruin.

Kurzsichtiger König

Edward I ließ seine Hausbank pleite gehen – und büßte dafür ordentlich
Edward I ließ seine Hausbank pleite gehen – und büßte dafür ordentlich

In der heutigen Sprache ausgedrückt: Die Ricciardis finanzierten langfristige Verbindlichkeiten kurzfristig, unterlagen also einem „Maturity-Mismatch“. Gleichzeitig fror der Interbankenmarkt ein, weil Papst und die Könige Englands sowie Frankreichs Kapital zurückforderten. Die Zitate der Ricciardis, die die drei Forscher auffanden, erinnern stark an die Aussagen des Bear-Stearns-Management nach dem Notverkauf: „Das Geld ist einfach verschwunden. Jeder Gläubiger wandte sich an uns und wollte ausbezahlt werden. Deswegen waren wir überall knapp.“ An anderer Stelle heißt es: „Niemand will uns Geld leihen.“

Neben historischen Parallelen zeigen Bell, Brooks und Moore auf, warum es sinnvoll ist, Banken zu retten. Der Kollaps der Ricciardis führte dazu, dass Edward I. sich viel teurer refinanzieren musste. Geldleiher stellten ihm Zinsen in Höhe von 40 bis 80 Prozent in Rechnung. „Wenn man heute die Banken in gleichem Maße bestrafen würde, würde das die Kreditklemme verschärfen. Am Ende wären die Folgen für die Wirtschaft noch gravierender“, fassen die Wissenschaftler zusammen.

Der Eiskönig von Boston

April 12, 2008

HANDEL MIT GEFRORENEM WASSER


Der Eiskönig von Boston

Von Peter Korneffel

In die Karibik, nach Martinique oder nach Kalkutta: Frederic Tudor verschiffte Anfang des 19. Jahrhunderts als erster Händler Natureis aus Amerika. Jede Fahrt war ein Wettlauf gegen die Zeit – denn mit der Fracht schmolz auch der Gewinn.

Die kalte Fracht verlässt den Hafen am Morgen des 13. Februar 1806. Bei ablaufender Flut passiert der Segler „Favorite“ das Zollhaus von Boston Harbor. Auf der Brücke steht der Eigner des Schiffes: Frederic Tudor, ein kleiner, schmächtiger Mann, gerade 22 Jahre jung, getrieben von einer wahnwitzigen Geschäftsidee: gefrorenes Wasser übers Wasser zu transportieren.

Wachsende Binnennachfrage nach dem kalten Gut

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Eisverkäufer in Hythe, Südengland (1911): Wachsende Binnennachfrage nach dem kalten Gut

Eine Schnapsidee, wie viele sagen, geboren auf einer Cocktailparty im heißen Sommer 1805. Mit dem Blick auf ihre eisgekühlten Drinks hatten sich Frederic und sein Bruder gefragt, was die Menschen in der Tropenhitze der Karibik wohl für solch einen Luxus geben würden. Der Gedanke lässt Frederic nicht mehr los. Ein paar Monate später, an jenem Wintermorgen in Boston, notiert er: „Das Schiff ist bereit, und der Himmel leuchtet hell für das Gelingen des Planes.“

Hoffend und bangend beobachtet Frederics Vater William Tudor das Treiben, zusammen mit anderen Schaulustigen der 30.000-Einwohner-Stadt Boston. Er ist ein angesehener Mann, Anwalt und Abgeordneter im Parlament von Massachusetts; die Bostoner nennen ihn the judge. Doch kürzlich hat er sich bei einem riskanten Landkauf verspekuliert, seine Familie an den Rand des Ruins gebracht, und jetzt wagt der Sohn das nächste Abenteuer. Selbst die „Boston Gazette“ titelt angesichts des unglaublichen Unternehmens höhnisch „Kein Witz!“ und prophezeit dem jungen Mann sein Scheitern.

Allein der geschmähte Händler unter dem Gaffelbaum des Zweimasters „Favorite“ vertraut seiner Ladung. Unter dem Deck der Brigg lagern 130 Tonnen glasklares Natureis, herausgebrochen aus dem Rockwood Pond, einem kleinen See auf dem Landgut seiner Familie nahe der Stadt. Vor Frederic Tudor liegen 20 Tage Seeweg in die Karibik. Tudor glaubt, dass sich die europäischen Kolonialherren dort nach Eis sehnen, und er weiß, dass die Ärzte in den Tropen verzweifeln, weil sie den an Gelbfieber Erkrankten keine Kühlung verschaffen können. Auf Martinique, hatte Tudors Bruder berichtet, dürfe Frederic seine erste Ladung Eis verkaufen. Wenn es sie dann noch gebe.

16 Cent je Pfund Eis

Am 5. März 1806 erreicht die „Favorite“ die Karibikinsel. Das verbliebene Eis verkauft sich in der französischen Kolonie bei einem Preis von 16 US-Cent je Pfund nur schleppend, obwohl die Blöcke die Passage „in perfect condition“ überlebt haben, wie Tudor später in Boston versichert. Doch die Temperaturen in Martinique sind höher als auf der Segelpassage. Die zum Verkauf geöffneten Luken und das Abdecken der Isolierung beschleunigen den Prozess: Tudors Handelsgut schmilzt.

Es ist die Geburtsstunde des 100 Jahre währenden internationalen Seehandels mit Natureis, doch für Tudor ein mittleres Fiasko. Hochverschuldet kehrt er heim. In Bostons Bürgerhäusern amüsiert man sich über den versponnenen Sohn des judge, der schon immer ein unbelehrbarer Eigenbrötler gewesen war. Mit 13 war er statt in die Schule lieber mit dem Hausdiener fischen gegangen. Trotzdem hatte der junge Tudor stets von einer großen Idee gesprochen, die ihn „unvermeidlich reich“ machen würde; ein Studium in Harvard betrachtete er als „verlorene Zeit“.

In Boston selbst gibt es dank der Eislager im Westen der Stadt bereits seit Jahrzehnten Erbauliches wie frische Butter, und sonntags vergnügt sich der Bostoner wie auf französischen Flaniermeilen mit einer zarten Waffel ice cream. Der Winterfrost, die frühe Besiedelung der amerikanischen Ostküste und die zahllosen Weiher und Seen von Neuengland machen Massachusetts und Maine zur Wiege der Natureisnutzung in den noch jungen USA, bald gefolgt von New York State.
Frederic Tudor hält sich nicht auf mit Klatsch und Schleckereien, er sucht ein größeres Schiff. „Wer schon nach dem ersten Rückschlag aufgibt“, schreibt Tudor auf den Deckel seines „Eistagebuchs“, „der war, ist und wird niemals ein Held sein, nicht in der Liebe, nicht im Krieg und nicht im Geschäft.“ Alsbald nimmt Tudor die Handelskorrespondenz mit Jamaika, Barbados, Guadeloupe, St. Thomas und anderen Karibikinseln auf. Anfang 1807 kann Tudor insgesamt drei Eisfrachten auf der Brigg „Trident“ nach Havanna schicken. Finanziell angeschlagen, muss Tudor die „Trident“ chartern. Keine leichte Aufgabe, denn „Händler waren nicht bereit, ihre Schiffe für den Transport von Eis zu vermieten“, schreibt sein Schwager später. „Die Agenturen lehnten die Versicherung ab, und die Seemänner hatten Angst, sich einer derartigen Fracht anzuvertrauen.“

Insolvenz bringt Tudor hinter Gitter

Unheil bricht aus Washington herein, als Präsident Thomas Jefferson ein internationales Seehandelsembargo über die Antillen verhängt. Immerhin kann Tudor seinen Handel auf die nationalen Routen verlagern und Skipper davon überzeugen, dass Eis ein besserer Ballast ist als Steine. Doch sein großes Geschäft liegt brach. Zum Warten verdammt, sucht Tudor am Rockwood Pond nach neuen Isoliermaterialien für die delikate Fracht, experimentiert mit zerriebener Holzkohle und weichem Torf. Mehrfach bringt ihn seine Insolvenz hinter Gitter, doch sein Wille ist ungebrochen. In der Zelle schreibt er: „Ich lächele bei dem Gedanken, dass jeder glaubt, ich sei geschlagen.

Als Tudor die Havanna-Route wieder aufnehmen darf, ringt ihn auf Kuba das Gelbfieber nieder. Dennoch verkauft er 1810 vom Fieber geschüttelt Eis für 7400 US-Dollar auf der Zuckerinsel. Tudor ist der Erste, der Eis nach Kuba bringt. Die Oberschicht in Havanna ist entzückt von eiskaltem Rum, Eiscreme und frischer Butter. Erstmals erzielt Tudor einen kleinen Profit aus dem „frozen water trade“.
Dabei kämpft Tudor gegen alle Widrigkeiten seines Geschäfts: milde Winter, die die Eisernte gefährden, harte Winter, die die Hafenbecken zufrieren lassen.

Seine erste Eisladung für Jamaika versinkt 1811 mit dem Schoner „Active“ im Atlantik. Aufgeben will der furchtlose Eishändler noch immer nicht. „Die Stürme des Himmels stärken eines wahren Mannes Geist, statt ihn zu schwächen.“

Eishäuser – groß wie Zeppeline

Nun nimmt es Tudor mit der rauen Passage von Kap Hoorn auf, verschifft das Eis aus Massachusetts an Südamerikas Westküste, nach Valparaíso, Santiago und selbst nach Lima. Dort kommt das Bostoner Eis „trotz der ungeheuren Entfernung und des Verlustes durch Schmelzen während der Reise dennoch billiger zu stehen als von den Anden“, dokumentieren die „Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt“ im Jahr 1866. Allein Lima bezieht in dieser Zeit jährlich gut „zwei Millionen Pfund“ Eis aus Übersee, deren Schmelzverluste ab Boston bei nur einem Drittel der Fracht liegen, resümiert Perthes. In Valparaíso zahlt man derweil vier US-Cent für ein Pfund Eis aus dem Norden.

Der amerikanische ice trade nimmt Fahrt auf. Die Ufer der Seen und Flüsse in den Neuengland-Staaten und New York State werden lukrativ verpachtet. Tudor, der am Fresh Pond bei Boston zusätzliches Land für 130 US-Dollar je Morgen erworben hatte, kann es in den 1850er Jahren, als Eis das wichtigste Exportprodukt von Massachusetts wird, für 2000 US-Dollar den Morgen verkaufen.

Eishäuser, groß wie Zeppeline, säumen die Ufer. Es sind hangarartige Bauten von manchmal 100 Meter Länge, mehrere Etagen hoch, außen lückenlos mit weiß gestrichenen, überlappenden Fichtenbrettern verkleidet, das Dach gedeckt mit Zedernholzschindeln, die dreischaligen Außenwände gefüllt mit Sägemehl und zum Dach hin isoliert mit Heu. Kein Wunder, dass vom Blitz getroffene Eishäuser immer wieder bis auf die Fundamente abbrennen.

Mitte der 1820er Jahre erfindet Tudors Freund Nathaniel Jarvis Wyeth den Eispflug. Die Eisernte, bei den Arbeitern als „kältester Job der Welt“ gefürchtet, wird allmählich zur Industrie. Mit dampfendem Atem laufen die Pferde jetzt über die Seen, Spikes an den Hufen, hobeln den Schnee vom Eis und kerben die Fläche mit Wyeth’ ice cutters zu einem Schachbrett, in cakes von 55 mal 55 Zentimetern, denn gleichförmige Eisblöcke lassen sich später besser stapeln. Die „Kuchen“ für den See-Export sind fast doppelt so groß. Die Eisflächen werden zu Blöcken gesägt und über eisfrei geschlagene Kanäle an die Rampen der Eishäuser geflößt. Frederic Tudor fährt die Eisernten mit seinen Pferdewaggons sogar direkt aufs Schiff.

1833 schließlich startet er sein kühnstes Unternehmen. Tudor ist jetzt fast 50, die Geschäfte laufen blendend, da fragt er sich, der selbst die Schwüle in den Tropen hasst, wie es wohl den kühlen Briten in der Mittagshitze Kalkuttas geht. Nüchtern kalkuliert, dürfte die Fracht in die englische Kronkolonie bei Sonneneinstrahlung nur 50 Pfund je Stunde verlieren, wenn er einen schnellen Eissegler auftreibt. Wenige Tage später chartert Frederic Tudor die Brigg „Tuscany“ und macht sich mit seinen Tischlern ans Werk. Der Frachtraum wird mit drei isolierenden Hohlräumen von den Außenwänden getrennt. Luft, Tannenrinde und Heu bilden Tudors Schichtung für Ostindien. Am 5. Mai 1833, bei bedecktem Himmel über Massachusetts, beginnt die Beladung des Seglers mit 180 Tonnen Neuenglandeis, jeder Block gut verpackt in Stroh. Eine Woche später macht die „Tuscany“ die Leinen los.
Am 10. September landet der Eissegler in Kalkutta am Ganges. Auch Indiens Presse wähnt die „erfinderischen Yankees“ in „hoffnungsloser“ Mission, bevor ein Reporter der „India Gazette“ in den Laderaum blickt und den Atem anhält. „Wir sind glücklich zu verkünden, dass der Ausschuss für Zoll, Salz und Opium die steuerfreie Anlandung der Eisfracht autorisiert hat“, schreibt der Journalist. „Der Offizier ist angewiesen, das Löschen des Eises bei Nacht zu genehmigen.“

Durchbruch für den verspotteten Außenseiter

Auch Lord William Bentinck, Generalgouverneur der Kronkolonie, ist begeistert. Er überreicht Tudors Kalkutta-Agenten eine Tasse aus vergoldetem Silber der „British Authority in Bengal“. Erst Monate später erfährt Tudor in einem Brief von dem sensationellen Erfolg, als er bereits das erste Schiff für Rio de Janeiro belädt. Selbst auf der Ostindienpassage von 121 Tagen über 16.000 Seemeilen mit zwei Überquerungen des Äquators sollen nur 30 Prozent der Eisfracht geschmolzen sein, verkündet Tudor.

Jetzt öffnen sich Amerikas Eisexporteuren die Märkte in aller Welt, von Afrika über China bis Japan. Die Mechanisierung der Eisernte, die gut isolierten Eissegler, das wachsende Handelsnetz der USA und die großen Mengen ganzjährig verfügbaren Natureises machen den US-Eishandel sogar zum Geschäft in Ländern, die im Hinterland selbst Eis in den Bergen haben. 1847 registriert das Zollhaus von Boston Harbor eine Flotte von 247 Eisseglern, neben den Schiffen vom Kennebec River in Maine die größte Eisflotte der Welt. Allein Tudor verschifft 1846 insgesamt 175 Schiffsfrachten von zusammen 65.000 Tonnen Eis. Zehn Jahre später sind es bereits 146.000 Tonnen auf 363 Frachten.

Für den einst verspotteten Außenseiter hat das Geschäft mit Indien den Durchbruch gebracht. Tudor, mittlerweile ein Herr mit weißem Haar und feinem blauen Gehrock, ist in den 1850er Jahren ein angesehener Unternehmer, er erwirbt ein stattliches Landgut auf der Halbinsel Nahant bei Boston. Hier lädt er gern zum Dinner oder Ball. Der globale Eishandel wächst unterdessen weiter.

Europa sperrt sich gegen Eis aus Übersee

Nur Europa setzt nicht auf die „Crystal Blocks of Yankee Coldness“, wie es in der Chronik des amerikanischen „Wenham Lake Ice“ von Chad Foster Smith heißt. Tudor und andere Exporteure Neuenglands versuchen immer wieder, den britischen Markt zu erobern. Doch treffen sie vor der Einfahrt in die Themse erstmals auf Konkurrenz. Denn bereits seit 1822 verkaufen norwegische Eishändler gefrorenes Wasser aus ihren kristallklaren Seen. Europa wird ein norwegischer Markt.

Gesegnet mit immensen Fischgründen und milden Wintern, ist England der wichtigste Kunde für norwegisches „Blockeis“. Anfangs holen die Briten das Eis noch selbst ab für ihren Traum von frischem Fisch, das Geschäft lassen sie sich nicht von den Amerikanern nehmen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch zimmern Norwegens Schiffsbauer eine der schnellsten Eisflotten der Welt und übernehmen den Transport. Englands boomende Fischindustrie dürstet nach Eis, während Königin Victoria zur wichtigsten Lobbyistin der isblokker aus Norwegen wird – der Buckingham Palace bezieht sein „Arctic Crystal“ in dieser Epoche ausschließlich aus einem glasklaren Bergsee bei Røyken.

In Amerika macht der Eishandel frische Lebensmittel wie Fleisch, Milch, Butter und Fisch zum Handelsgut, fördert das rasante Wachstum von Städten wie New York, Baltimore und Philadelphia. Eis gewährleistet die Versorgung einer jungen Industriegesellschaft. Erst durch das Konservieren großer Mengen von verderblicher Nahrung können Großstädte überhaupt entstehen, denn Ballungsräumen fehlen Anbau- und Weideflächen. Gleichzeitig sind die Städte Garanten für die wachsende Binnennachfrage nach dem kalten Gut.

Denn Eis revolutioniert die Küche. Endlich muss man weder räuchern, salzen, dörren noch einlegen. Eis macht Verderbliches haltbar, ohne den natürlichen Geschmack zu verfälschen. Fleischtransporte lösen große Teile der Viehtransporte ab. Bananen und andere Tropenfrüchte erreichen die USA, gekühlt mit heimischen ice cakes. In fast jedem New Yorker Haus von 1860 steht nun ein hölzerner Eisschrank. 1870 verbraucht jeder Städter in den USA 660 Kilogramm Natureis, so die Statistik der „American Ice Industry“.
Eis per Rolltreppe

Motorisierte, Rolltreppen ähnelnde elevators befördern in den 1880er Jahren in den USA jährlich 20 bis 25 Millionen Tonnen in die Eishäuser, vermerkt das „Popular Science Monthly“. Von Dampfmaschinen angetriebene Motorsägen und Förderbänder ersetzen zunehmend die schwere Arbeit von Mensch und Pferd bei der Eisernte. Boston beliefert weltweit über 50 Häfen mit gefrorenem Wasser. Natureis wird das wichtigste Handelsgut der Neuenglandstaaten, wichtiger noch als Fisch und Holz. Auf dem Kennebec River in Maine arbeitet 1890 eine Flotte von 1700 Eisseglern.

1864 stirbt Frederic Tudor im Alter von 80 Jahren in Boston, er ist tatsächlich „unvermeidlich“ reich geworden. Zwar war er in den letzten Jahren nicht mehr führend im Eisgeschäft. Doch seine Ländereien haben ihn zu einem der ersten Millionäre Amerikas gemacht, die Medien feiern ihn als „Boston Ice King“ und sogar als den „Ice King of the World“.

An dem Wendepunkt der amerikanischen Geschichte, als auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs die Ärzte verzweifelt nach Eis schreien und die Nordstaaten die große Nachfrage nicht mehr befriedigen können, erreichen vier mysteriöse Apparate aus Frankreich die Südstaaten der USA: Eismaschinen, sogenannte „Ammoniakabsorptionskältemaschinen“, mit denen der französische Ingenieur Ferdinand Carré 1859 erstmals künstliches Eis produzierte, indem er Wasser durch schnelle Verdunstung von kondensiertem Ammoniak zum Gefrieren brachte.

Konkurrenz durch die „Kompressionskältemaschine“

Auch in den USA wird nun Ende 1862 künstliches Eis hergestellt. Selbst beim Export des Frischfleischs, das Australien und Argentinien mit amerikanischen cakes nach England zu verschiffen pflegen, setzt man bald auf Kälteingenieure statt auf Eishändler. 1876 experimentiert das französische Kühlschiff „Le Frigorifique“ erstmals mit maschinell gekühltem Fleisch zwischen Rouen und Buenos Aires. Dampfmaschinen liefern die nötige Energie.

In Deutschland entwickelt Carl von Linde mit seiner „Kompressionskältemaschine“ in den 1870er Jahren einen weiteren Typus von Eismaschinen. Chemiker und Ingenieure läuten damit eine neue Epoche der Kühltechnik ein. Eis ist jetzt in großen Mengen überall und jederzeit künstlich herstellbar. 1880 erhält selbst Tudors einstige Handelshochburg Kalkutta die erste Eismaschine, was den Natureishandel mit Indien in kürzester Zeit zum Erliegen bringt.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg bricht auch der amerikanische Natureisbinnenmarkt ein. Im Jahr 1915 schließlich kapituliert der Präsident des Eisverbands Henry W. Bahrenburg endgültig vor der künstlichen Kälte und gibt sich auf der Vollversammlung seines Verbands öffentlich geschlagen mit den Worten: „Die Pest ist in unseren Städten!“