Archiv für die Kategorie ‘Wissenschaftsgeschichte’

Ältester Sternenatlas

Juli 1, 2009

FAZ 1.9.2009

Ältester Sternenatlas
Jupiterstationen und Mondhäuser

Der Sternenatlas auf der Homepage des International Dunhuang Project

Von Günter Paul
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Ausschnitt aus einer Sternkarte des nunmehr auf die zweite Hälfte des siebten…

Ausschnitt aus einer Sternkarte des nunmehr auf die zweite Hälfte des siebten Jahrhunderts datierten Sternenatlas von Dunhuang. Zu sehen sind die Sterngruppen von Großem Wagen, Schütze und Steinbock.

01. Juli 2009 Auf seiner zweiten Expedition zur Erforschung der Kulturen an der Seidenstraße kam der aus Ungarn stammende Archäologe Marc Aurel Stein im Jahr 1907 zu den prächtigen Buddhahöhlen von Mogao bei Dunhuang (China). Dort hatte der daoistische Wandermönch Wang Yuanlu kurz vorher die Höhle Nummer 17 entdeckt, die wegen der mehr als 40 000 mittelalterlichen Manuskripte, die zum Vorschein kamen, den Namen „Bibliothekshöhle“ erhielt. Stein konnte den Mönch überreden, ihm einen großen Teil davon – mehr als 7000 Manuskripte – zu verkaufen, die nach seiner Rückkehr nach Europa das British Museum in London erhielt.

Zu den Papiermanuskripten gehörte auch eine 394 Zentimeter lange und 24,4 Zentimeter breite Rolle, die zunächst nicht besonders auffiel. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie katalogisiert, wobei der Inhalt ihrer ersten Hälfte als Weissagungen gedeutet wurde. Tatsächlich ist es ein meteorologischer Text mit 26 Zeichnungen unterschiedlich geformter Wolken. Es folgen 13 Sternkarten mit Erläuterungen, deren Bedeutung schließlich Joseph Needham im Jahr 1959 erkannte. Dieser sogenannte Sternenatlas von Dunhuang ist die weltweit älteste vollständige Darstellung des nördlichen Sternhimmels, genauer gesagt jenes Teils des Sternhimmels, der von 34 Grad nördlicher Breite aus – zum Beispiel vom Kaiserlichen Observatorium in Changan (Xian) – zu sehen war.

Die Sonderstellung des Jupiter

Der Sternenatlas, der in diesem Sommer anlässlich des Internationalen Astronomischen Jahres in der British Library in London ausgestellt werden soll, ist jetzt erstmals im Detail analysiert worden. Die beteiligten Wissenschaftler – zwei französische Forscher und die Direktorin des „International Dunhuang Project“ der British Library – haben ihre Ergebnisse in „The Journal of Astronomical History and Heritage“ (Bd. 12, S. 39) publiziert.

Der Sternenatlas der Manuskriptrolle enthält zwölf längs des Himmelsäquators angeordnete Sternkarten, die von 40 Grad Nord bis 40 Grad Süd reichen und jeweils dreißig Längengrade umfassen, sowie eine Karte mit den zirkumpolaren Sternen. Am Ende des Manuskripts befindet sich noch das Bild eines Bogenschützen. Gemäß der chinesischen Astrologie, in der der Planet Jupiter, der die Sonne in ungefähr zwölf Jahren einmal umkreist, eine ganz besondere Rolle spielt, ist jede der zwölf Sternkarten einer „Jupiterstation“ zugeordnet. Der astrologische Sternkreis der Chinesen hingegen enthält 28 „Mondhäuser“ am Äquator, die besonderen Sterngruppen entsprechen. Diese findet man auch auf den Sternkarten wieder.

Ziemlich genaue Positionsbestimmungen
Zum Thema

* Der Sternenatlas auf der Homepage des International Dunhuang Project

Insgesamt haben die Forscher jetzt auf den Karten 1339 Sterne gezählt, die in 257 mit Namen gekennzeichneten Sterngruppen angeordnet sind. Außer 15 konnten sie alle Sterngruppen identifizieren. Die Zahl der Sterne ist aber nur als Näherungswert zu betrachten, weil einige der Objekte wegen der gewählten Darstellung auf jeweils zwei Karten erscheinen können. Alten Sternkatalogen zufolge haben die frühen chinesischen Astronomen 1464 Sterne in 283 Sterngruppen gekannt.

Von den Sterngruppen sind für westliche Betrachter insbesondere der große Wagen und der Orion zu erkennen. Die Positionen der meisten Sterne auf den Karten stimmen bis auf 1,5 bis vier Grad und damit erstaunlich gut mit den tatsächlichen Positionen überein, wenn man bedenkt, dass die modernen Beobachtungstechniken damals noch nicht existierten. Einige Sterne sind sogar berücksichtigt worden, die eigentlich nur von südlicheren Standorten aus zu sehen sein dürften. Sie zeugen von frühen astronomischen Expeditionen in südliche Regionen. Die lichtschwächsten Sterne auf den Karten entsprechen der Größe 6,5, das heißt, sie sind gerade noch bei tiefschwarzem Himmel zu sehen. In der Darstellung sind Sterne verschiedener Größe nicht voneinander zu unterscheiden.

Als Entstehungszeit des Sternenatlas hat Needham vor fünfzig Jahren noch die Epoche um 940 n. Chr. angegeben, ohne dafür einen Grund zu nennen. Aus dem Stil der Schrift und anderen Merkmalen ist ein chinesischer Wissenschaftler im Jahr 1983 auf die Zeit um 700 n. Chr. gekommen. Der neuen Analyse zufolge scheint das Manuskript sogar schon zwischen 649 und 684 n. Chr. entstanden zu sein, also in der frühen Tang-Dynastie. Danach sind chinesische Sternatlanten erst wieder aus dem elften Jahrhundert erhalten geblieben. Die ältesten noch erhaltenen Sternkarten aus der muslimischen Welt, die aber keinen vollständigen Atlas bilden, stammen von dem persischen Astronomen Abd al-Rahman-al-Sufi (903 bis 986 n. Chr.). Die älteste Sternkarte aus dem christlichen Europa, die bekannt ist, wurde im Jahr 1440 angefertigt. Sie enthält jedoch nur eine eng begrenzte Zahl von Sternen am nördlichen Sternenhimmel.

ANTIKYTHERA-MECHANISMUS Geheimnis des antiken Computers

April 6, 2009


Quelle

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ANTIKYTHERA-MECHANISMUS
Geheimnis des antiken Computers

Von Christoph Seidler

Der Mechanismus von Antikythera gilt als ältester Computer der Welt – und er ist so komplex, dass Forscher ihn bis heute nicht vollständig verstehen. Ein großer Kongress soll nun dabei helfen, der Uralt-Maschine ihre letzten Geheimnisse zu entreißen.

Es war die wohl erste Unterwasser-Archäologieexpedition aller Zeiten, doch das wichtigste Fundstück blieb fast unbeachtet. Rund ein Jahr, nachdem der griechische Schwammtaucher Elias Stadiatis im Frühjahr 1900 nahe der kleinen Insel Antikythera ein versunkenes römisches Schiffswrack entdeckt hatte, durfte er auch bei der Hebung der vermuteten Schätze mitarbeiten. Aus rund 40 Metern Tiefe bargen Stadiatis und seine Kollegen Statuen aus Marmor und Bronze sowie andere Kunstschätze aus dem 300-Tonnen-Handelsschiff. Auch Alltagsgegenstände wie Amphoren und Münzen kamen ans Tageslicht – und ein schuhkartongroßer Klumpen, der unter der Archivnummer 15087 katalogisiert und anschließend vergessen wurde.

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Foto: Nature
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Während vor allem die Statuen die Wissenschaftler faszinierten – nur wenige griechische Bronzeplastiken hatten die Wirrungen von zwei Jahrtausenden an Land überstanden -, kümmerte sich kaum jemand um den deformierten Klumpen. Im Mai 1902 bemerkte der griechische Archäologe Valerios Stais dann, dass das Artefakt aufgesprungen und in mehrere Teile zerbröselt war. Das Gerät, das später als Mechanismus von Antikythera bekannt werden sollte, war zerstört – und Forscher versuchen seitdem mühevoll, den Überbleibseln ihre Geheimnisse zu entlocken.

ANTIKES FUNDSTÜCK: GEHEIMNISVOLLER URALT-COMPUTER

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Erst seit einigen Jahren ist klar, dass der mysteriöse Mechanismus unter anderem ein Kalender zur Vorhersage von Mond- und Sonnenfinsternissen war – und, wie man seit vergangenem Sommer weiß, auch eine Art Terminplaner für die Wettbewerbe in den Zeiten zwischen den Olympischen Spielen. Doch längst sind noch nicht alle Fragen geklärt. Der antike Computer, dessen Präzision mehr als tausend Jahre lang unerreicht blieb, gibt den Forschern noch immer Rätsel auf. Ende Juli wollen sich mehrere hundert Antikythera-Forscher in Budapest zu einem mehrtägigen Kongress treffen, um einige von ihnen zu besprechen.

Insgesamt 82 Fragmente des Mechanismus gibt es, drei davon sind öffentlich zu sehen in der Bronzesammlung des Archäologischen Nationalmuseums in Athen. Mehrfach sind die Überbleibsel bisher mit Röntgenstrahlen durchleuchtet worden. Mit modernsten Methoden der Computertomografie stellten Forscher die Bauteile der Maschine Schicht für Schicht am Rechner dar – und kamen einer Rekonstruktion damit sehr nahe.

Doch das Bild der Maschine ist noch immer unvollständig, weil Bruchstücke fehlen. „Ich vermute, dass wir etwa zwei Drittel des Mechanismus kennen“, sagt der Astronom Mike Edmunds von der Cardiff University in Wales zu SPIEGEL ONLINE. Er arbeitet beim Antikythera Mechanism Research Project mit, einem Zusammenschluss von Universitäten und Firmen aus Großbritannien, Griechenland und den USA.

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Antikythera – Wird das Rätsel um den ältesten Computer zu lösen sein?

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1 Beitrag
Neuester: Heute 12:42 Uhr
von sysop
Fundamentale Dinge sind noch immer ungeklärt, wie Edmunds erklärt: „Hatte das Gerät auch eine Anzeige für die Planeten? Und wenn ja, wie sah diese aus?“ Hinweise auf eine entsprechende Funktion gibt es: Die griechischen Namen der Himmelskörper Merkur (Hermes) und Venus (Aphrodite) werden in den Inschriften erwähnt, die wie eine Mischung aus schriftlicher Gebrauchsanweisung und Astronomielehrbuch auf Bronzeplatten graviert wurden.

Ob diese Platten eine Abdeckung waren oder sich wie eine Tür öffnen ließen, wissen die Forscher nicht. Yanis Bitsakis von der Universität Athen arbeitet gerade daran, die Inschriften zu entziffern. Er hält es für „sehr, sehr wahrscheinlich“, dass es eine Planetenanzeige gab. Für seine Arbeit muss er sich aber mit einer entscheidenden Widrigkeit herumschlagen: „Fast die gesamte Oberfläche der Bronzeplatten ist mit Zeichen bedeckt. Doch von beinahe jedem Satz fehlen uns Anfang und Ende“, beklagt er auf SPIEGEL ONLINE. Bisher habe man zwar rund 2300 Zeichen identifizieren können, doch nicht bei allen sei der Zusammenhang klar.

Stolz ist Bitsakis auf ein etwa 200 Zeichen langes Textstück, das quasi komplett erhalten sei. „Es handelt sich um die Beschreibung eines astronomischen Phänomens“, sagt der Forscher. Auf der Tagung in Budapest hoffe er, mehr sagen zu können. Bei der Interpretation des restlichen Textes haben die Wissenschaftler gleich mehrere entscheidende Probleme. Zum einen wissen sie von einigen Textfragmenten nicht, wo sie im Gesamtzusammenhang eingeordnet werden müssen, zum anderen – und das ist weit gravierender – fehlt ihnen schlicht der Großteil des Textes. Irgendetwas zwischen einem Viertel und einem Drittel des Originaltextes habe man, schätzt Bitsakis.

Vergessen auf dem Meeresgrund – oder im Museumsdepot

Der Rest liege entweder irgendwo auf dem Grund des Meeres oder vergessen und unkatalogisiert in einem griechischen Museumsdepot. Und so können die Forscher die wohl wichtigste Frage bis heute nicht beantworten: Wozu wurde die Maschine gebaut? „Wir wissen, was der Mechanismus macht, aber wir wissen nicht, wofür“, sagt Edmunds. War das komplizierte Räderwerk ein Repräsentationsobjekt, eine Lernhilfe, eine religiöser Rechenschieber oder eine Orientierungshilfe auf See? Zumindest letztere Möglichkeit glaubt Edmunds ausschließen zu können: „Ich glaube nicht, dass der Mechanismus für die Navigation auf dem Meer genutzt wurde.“

MEHR ÜBER…
Mechanismus von Antikythera Syrakus Archimedes Andikythira Venus (Astronomie) Merkur (Planet)
zu SPIEGEL WISSEN
In weltweit einer Handvoll Museen gibt es Nachbauten des Mechanismus von Antikythera, darunter auch im Astronomisch-Physikalischen Kabinett in Kassel. Mit Hilfe eines neuen Modells, hergestellt von Michael Wright, der für das Londoner Imperial College arbeitet, lässt sich die Arbeit der Maschine nachvollziehen. Er hat bereits eine Anzeige eingearbeitet, die neben Sonne und Mond auch über insgesamt fünf den Griechen bekannten Planeten Auskunft erteilt. Wright hat seine Arbeit unabhängig vom Antikythera Mechanism Research Project fertiggestellt.

Hersteller des Mechanismus ist unbekannt

Wer das Original gebaut hat, weiß niemand. Aus der linguistischen Analyse der auf dem Gerät eingravierten Monatsnamen schließen die Forscher, dass die Maschine höchstwahrscheinlich aus einer Kolonie stammt, die von Korinthern gegründet wurde. Dazu gehörte neben dem Nordwesten Griechenlands auch die Stadt Syrakus auf Sizilien, wo unter anderem der berühmte Mathematiker Archimedes lebte. Archimedes selbst dürfte allerdings kaum der Baumeister gewesen sein. Als die Maschine hergestellt wurde – vermutlich um 140 vor Christus -, war er bereits seit mehreren Jahrzehnten tot.

Und doch könnte er die Entwicklung mit inspiriert haben, auch diese These wird in Budapest sicher diskutiert werden. Einer der Schüler des Meisters, so argumentieren manche Antikythera-Experten, könnte die Maschine gebaut haben.

Die Forscher glauben ohnehin, dass es mehr als eine Ausgabe des Mechanismus gab, darunter auch frühere, möglicherweise weniger ausgeklügelte Exemplare. Doch wundersamerweise fehlen bis heute konkrete Hinweise darauf. Selbst der Medienhype nach zwei „Nature“-Veröffentlichungen über den Mechanismus in den Jahren 2006 und 2008 half den Forschern nicht dabei, Tipps zu weiteren antiken Computern zu bekommen. „Man würde erwarten, dass es noch andere ähnliche Maschinen gibt“, meint Edmunds. „Bis jetzt wissen wir aber von nichts.“

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,617069,00.html

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